Wenn das Klischee real wird

Chinesen lächeln immer nett und nicken, tun immer so, als liefe alles prächtig und als hätten sie alles verstanden und im Griff. Immer. Alle. Natürlich stimmt das nicht, das ist doch nur ein Klischee!  Ja, ist es. Aussagen mit alle und immer, die sich nicht auf naturwissenschaftliche Gesetzmäßigkeiten beziehen, stimmen selten. Deswegen ist es umso schlimmer, dass mir das Klischee auf einmal lebendig gegenüber sitzt.

Die Studentin lächelt, sie nickt. Sie hat vielleicht nur die Aufgabenstellung nicht ganz verstanden, weiß nicht genau, was sie tun soll, aber sie sagt das nicht, sie tut irgendetwas und hofft, dass es passt. Sie sagt erst, dass es ein Problem gibt, als der Abgabetermin schon vorbei ist. Ich bin nicht ganz sicher, wie gut sie mich versteht. Aber sie kann ziemlich gut Deutsch. Und sie nickt zu allem und sagt, sie habe verstanden. Ich frage, ob sie verstanden hat, obwohl ich mir sicher bin, dass sie in jedem Fall bejahen wird.

Nun gut, sie hat einen Zwischentermin verschusselt und sich danach nach meinen Maßstäben ewas ungeschickt verhalten. Das sollte kein Drama sein. Aber zu spät ist zu spät, Ende der Durchsage? Ist das fair ihr gegenüber? Nein, irgendwie nicht, es geht um nichts Großes. Aber auch ja, es wäre eigentlich auch fair. Der Schaden hielte sich in Grenzen, und vielleicht lernt sie daraus etwas. Aber damit will ich vielleicht doch nur mein Gewissen beruhigen.

Ganz schön viele eigentlichs, irgendwies, vielleichts.

Mache ich jetzt für sie eine Ausnahme? Ja, man muss nicht in jeder Mücke ein großes, graues Rüsseltier sehen, ich mache eine Ausnahme.

Aber ist das fair gegenüber den anderen, die pünktlich abgegeben haben, die die Aufgabenstellung verstanden haben, die gefragt haben, als etwas nicht klappte? Nein, es ist nicht fair gegenüber einem,  der den Termin nicht vergessen hat. Gegenüber dem, der den Termin vielleicht nur mit viel Mühe und zu wenig Schlaf einzuhalten geschafft hat. Gegenüber dem, der einfach rechtzeitig angefangen hat.

Gut, das letzte war jetzt hypothetisch.

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5 Kommentare

  1. Schwierige Sache. Einerseits bin ich voll dafür, Verständnis für kulturelle Unterschiede zu haben und ausländischen Studenten da entgegenzukommen. Die Sprache zu beherrschen bedeutet ja noch lange nicht, sich im Land und in der Kultur zurechtzufinden. Da tritt noch mancher langjährige Expat in sich unversehens auftuende Fettnäpfchen.

    Andererseits sollte man von ausländischen Studenten erwarten können, dass sie sich mit den hiesigen Gepflogenheiten, v.a. dem Kommunikationsstil soweit vertraut machen, dass sie Situationen wie diese halbwegs richtig verstehen und sich entsprechend verhalten können.

    Ich hätte wahrscheinlich ähnlich entschieden und mir dann Sorgen gemacht, dass das ein Präzedenzfall wird und in der Folge ständig wer mit guten Gründen oder Ausreden für Verlängerungs- oder Ausnahmewünsche kommt.

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    • Nun, es war hier nur eine Kleinigkeit und war auch alles ein bisschen aus der Kategorie „irgendwie dumm gelaufen“. Ich glaube fast jeder hätte in dem Fall die Ausnahme gemacht, für jeden Studenten. Es gibt auch unter den hiesigen Eingeborenen oft genug schüchterne Menschen, die sich manchmal einfach nicht trauen, etwas zu fragen.
      Aber ich hatte die Sprach-Problematik auch schon verschärft, wobei es da tatsächlich um eine relevante Beurteilung ging. In dem waren die Sprachprobleme sehr viel größer und es war daher fast unmöglich zu unterscheiden ob die ebenfalls chinesische Studentin etwas inhaltlich nicht verstanden hatte oder sie nur Schwierigkeiten hatte, das Verstandene auf deutsch hinzuschreiben. Aber genauso gut könnte eben auch der Muttersprachler, der sich einfach nur mit dem Schreiben schwertut, einen Bonus fordern.
      Man will halt immer möglichst gerecht urteilen, aber was in einem bestimmten Fall gerecht oder fair ist, ist manchmal doch schwer zu sagen. Man muss da wohl langsam ein verlässliches Bauchgefühl entwickeln.

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  2. Ich dachte, die junge Dame mit dem verschusselten Abgabetermin sei eine Deutsche, ehrlich. Ich wollte schon anfragen, ob sie mit ihrem Chinesen-Lächeln vielleicht einen Ausländer-Bonus erreichen wollte . Da erfuhr ich in den Kommentaren, dass sie wohl tatsächlich aus China kommt. Das Klischee hat positiv zugeschlagen. Was mache ich nun mit meiner Frage? Die schwebt irgendwo zwischen Shanghai und Deutschland herum. Vielleicht findet sie ja als Wetterfähnchen im Himalaja Verwendung. LG aus einer anderen Weltecke.

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    • Ja, sie kommt wirklich aus China, spricht aber soweit ich das in den kurzen Gesprächen mit ihr beurteilen konnte recht gut Deutsch. Ohne Deutschkenntnisse kann man ihr Fach bei uns auch kaum studieren, weil alle Veranstaltungen auf deutsch sind. Leider hatte die Geschichte dann noch eine unschöne Fortsetzung und sie hat diese besondere Veranstaltung dann leider nicht bestanden. Was kein Drama ist, weil man das Praktikum wiederholen kann oder stattdessen ein anderes einbringen kann. Ich hatte trotzdem sehr lange über die Entscheidung nachgedacht.

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