Das Bahnfahrer-Panoptikum

Wer Bahn fährt, weiß, dass die Mitreisenden ein ebenso großes Übel sein können wie mangelnde Pünktlichkeit oder technische Probleme an Weichen, Zügen, … . Nun bin ich schon lange viel Bahn gefahren, neu ist für mich aber, eine Strecke regelmäßig und meist am gleichen Wochentag und sogar zur gleichen Uhrzeit zu bereisen. Ein völlig neuer Mikrokosmos tut sich mir da auf, und so langsam füllt sich das Spektrum der Biotop-Bewohner. Als da wären:

Die Regelpendler. Zu ihnen ist nicht viel zu sagen, wie auch sie im Verlauf der Fahrt nicht viel sagen. Wahlweise mit oder ohne Kopfhörer, Heißgetränkbecher (Donnerstagabend sieht man auch Feierabendbiere), Lektüre, Laptop. Meine Spiegelbilder. Manche erkenne ich allmählich wöchentlich wieder.

Der Erklärbär – meist ein älterer Herr in weiblicher Begleitung. Er kennt die Strecke in und auswendig und ist außerdem vertraut mit den geographischen Gegebenheiten rundherum sowie historischen oder sonstwie interessanten Details. Er möchte, dass seine Begleitung das auch alles weiß. Und der Rest der Mitreisenden darf auch noch was lernen. Und sei es nur der Name des Bahnhofs, in dem der ICE gerade ungeplant zum Halten gekommen ist. Gut, die Details zum Rettungszug in Fulda neulich hätte ich nicht gewusst. Sollte vor dem Fenster nichts Kommentarwürdiges zu sehen sein, kann auch die aktuelle Tagespresse, die selbstverständlich ausführlich studiert wurde, kommentiert werden.

Den Gegensatz dazu bildet die Möchtegernerklärbärin. Meist handelt es sich um eine ältere Dame ohne Kenntnis der örtlichen Gegebenheiten, die ihrer gleichaltrigen Mitreisenden erklärt, wo der Zug langfährt, und was draußen vor dem Fenster vorbeikommt. Den letzten Kontakt mit einer Landkarte oder einem Atlas hatte sie leider in der Grundschule und das ist schon ein paar Jährchen her. Da kann man schon mal ein paar Details durcheinanderbringen (*). Sollte vor dem Fenster nichts Kommentarwürdiges zu sehen sein, kann auch der neueste Tratsch der Regenbogenpresse über irgendeinen Prominenten bekakelt werden. Auch dabei wäre Hintergrundwissen doch nur lästiger Ballast.

Es gibt natürlich noch ein paar mehr, die hebe ich mir für später auf.

(*) In Hessen gibt es übrigens mehr als eine Talsperre. Und man kann selbstverständlich von Frankfurt (Main) nach Fulda am Edersee vorbeifahren. Täte der ICE das, wäre er aber nicht in einer knappen Stunde da, sondern würde etwas länger brauchen. Außerdem müsste die Bahnstrecke am Ufer des Edersees erst noch gebaut werden.  — Ja, ich gebe es zu, wenn ich alt bin und Zeit für Details habe, werde ich Erklärbär.

 

 

6 Kommentare

  1. Ich bin der Regelpendler 🙂 Leider habe ich eine empfindliche Nase und rieche wenn die Unterwäsche der Mitreisenden alt und mehre Tage getragen ist. Gelegentlich riecht man auch den Sex der letzten Nacht. Manche waschen sich nicht.

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  2. Meine Spiegelbilder. Manche erkenne ich allmählich wöchentlich wieder.
    Kenne ich. Viele sitzen auch praktisch immer auf demselben Platz. Andere haben keine festen Plätze, aber klare Präferenzen, etwa immer rückwärts, immer am Fenster, immer auf den hohen Sitzen über den Radkästen, so Sachen.

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