Archimedes denkt: Mathe doof finden ist doof

Ich bin nicht so richtig gut im Kopfrechnen, bin da aber nicht stolz drauf. Von Physikerinnen erwartet man eigentlich, dass sie rechnen können. Aber ich habe keine Lust zum Üben, deswegen wird sich daran nichts ändern. Dauert halt immer einen Moment länger.

Was ich aber wirklich überhaupt nicht leiden kann, sind Menschen, die es völlig in Ordnung finden, kein naturwissenschaftliches Allgemeinwissen zu haben und auch noch damit kokettieren, dass sie in Mathe immer schlecht waren (meistens hatte sie dann dank Nachhilfe doch eine Zwei).

Noch eine Stufe schlimmer finde ich Eltern, die ihren Töchtern vormachen, dass es in Ordnung sei, in Mathe keine guten Noten zu haben (war man ja selber auch nie gut drin, hihi), und dass so ein Informatik-Studium doch eh nichts für Mädchen sei. Warum ich das schlecht finde? Weil es Mädchen davon abhält, selbst zu entscheiden, ob sie Friseurin, Krankenpflegerin, Verwaltungsangestellte, Ingenieurin, Programmiererin oder Kunsthistorikerin werden wollen. Das ist ganz schön mies. Erst wird Mädchen eingeredet, das technische Berufe nichts für sie sind, später als erwachsene Frau müssen sie sich dann anhören, dass sie selbst an ihrer mauen Finanzlage schuld sind, weil sie sich doch Berufe aussuchen, in denen die Gehälter niedrig sind.

Initiativen, dem entgegenzuwirken gibt es viele, mit mehr oder weniger Erfolg. Ich habe mich entschieden, meinen Beitrag dazu bei CyberMentor.de zu leisten.

CyberMentor ist ein Programm, das Schülerinnen im Alter von 12 bis 18 Jahren für die naturwissenschaftlich-technischen Fächer begeistern will. Das passiert auf einer – zugegeben verbesserungsfähigen – Online-Plattform mit Chats und ähnlichem. Mehrmals im Jahr werden von den Organisatorinnen Mentoring-Tandems zusammengestellt. Jede Schülerin, die aktiv mitmachen möchte, wird einer Mentorin zugeteilt, die sie dann betreut und ihr einen Einblick in ihr Fach und ihre Arbeit gibt. Bei älteren Schülerinnen kann sie auch schon Tipps für’s Studium oder eine Berufsausbildung geben. Die Mentorinnen sind Frauen jeden Alters, die eine Naturwissenschaft oder ein technisches Fach studiert haben bzw. eine Ausbildung haben und auch in diesem Bereich arbeiten. Von der Mikrobiologie-Doktorandin bis zur IT-Fachfrau im Großunternehmen ist da alles dabei.

Ihr habt den Text bis hierhin durchgehalten, fragt Euch aber doch langsam, wieso ich hier darüber schreibe?

Damit Ihr Euren Töchtern davon erzählt:

https://www.cybermentor.de/index.php/ueber-cybermentor/teilnahme/teilnahme-fuer-schuelerinnen

Oder damit Ihr Euch als Mentorinnen anmeldet:

https://www.cybermentor.de/index.php/ueber-cybermentor/teilnahme/teilnahme-fuer-mentorinnen

Die nächste Runde beginnt Mitte Dezember, dafür anmelden kann man sich bis zum 30. November!

Zu meinen Lesern zählen zum Glück auch Nichtnaturwissenschaftler, Männer ohne Töchter und Menschen mit schon erwachsenen Kindern. Euch mag ich auch.

Im Grunde finde ich ja, dass solche Initiativen furchtbar sexistisch und herablassend sind. Mädchen und Frauen brauchen meiner Meinung nach keine speziellen Bildungsangebote (hier findet sich dazu ein lesenswerter Blogeintrag mit dem Thema Finanzbildung für Frauen).

Es gibt außerdem auch Jungen, die mit leuchtenden Augen Astronaut oder Architekt werden wollen, dann aber unter dem Einfluss männlicher und weiblicher Bedenkenträger statt Physik oder Ingenieurwesen zu studieren doch eine „sichere“ Ausbildung zum Finanzfachwirt machen und die Verbeamtung zum Lebensziel erklären. Es gibt auch Jungen, den man einredet, dass Berufswünsche wie Gärtner, Erzieher, Altenpfleger irgendwie vage unmännlich seien. Sie werden dann als Kfz-Mechaniker oder Werkzeugmacher unzufrieden.

Einen großen Unterschied sehe ich aber darin, dass Mädchen immer noch vermittelt bekommen: „Das brauchst du nicht zu können.“ oder „Das ist zu schwierig für dich.“ Und zwar mit der impliziten Begründung „weil du ja ein Mädchen bist.“ Jungs hören solche Sprüche vielleicht mal beim Handarbeitsunterricht, aber ich halte Prozentrechnung im späteren Leben für ungleich wichtiger als stricken und häkeln.

Und deswegen brauchen wir solche Initiativen wie CyberMentor wohl doch. Ich hoffe nicht mehr lange.

10 Kommentare

  1. Pssst: Stricken und häkeln ohne Prozentrechnung zu können, ist sehr mühselig 😉

    Schade, dass es solche Programme braucht. Aber leider haben Mädchen immer noch wenige Vorbilder in diesen Berufsfeldern.

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    • Um ehrlich zu sein – und auch da bin ich jetzt nicht unbedingt stolz drauf 😉 -mit meinen Strick- und Häkelkenntnissen ist es nicht sehr weit her, obwohl ich das als Kind natürlich mal gelernt habe. Gerade stricken sieht manchmal wahnsinnig kompliziert aus. Deswegen trage ich zwei Paar Socken mit Zopfmuster, die ich mal geschenkt bekommen habe, mit großer Ehrfurcht und bin jedes Mal wieder begeistert, wenn ich sie anziehe.

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      • Das wiederum flog mir immer zu 🙂 ich tat mir in allen naturwissenschaftlichen Fächern schwer. Da musste ich immer hart arbeiten für eine 3.
        Und jetzt brauche ich die Kenntnisse zum Spinnen, Färben, Maschenzahlen ausrechnen uns so weiter. Bin froh, dass ich es mal gelernt habe.

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        • Ich habe als Kind wahnsinnig gerne Handarbeiten gemacht, bin dafür aber glaube ich nicht ordentlich genug. Es sah nur selten richtig gut aus. Und dann bin ich eben doch in einem technischen Umfeld gelandet, in dem ich mit zunehmendem Alter feministische Tendenzen entwickle.

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          • Handarbeit braucht Übung. Aber technisches Umfeld ist ja auch nicht verkehrt. 😊
            Ich bin irgendwie auch im technischen Vertrieb gelandet 🙈

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  2. Wie wahr! ich ärgere mich heute noch darüber, dass ich als junge Frau alle Studienfächer ausgeschlossen habe, bei denen auch nur ein Fitzel Mathe verlangt wurde. Dabei habe ich später gemerkt, dass ich mathematisch gar nicht so unbegabt bin. Aber bei uns zuhause hieß es damals tatsächlich „Mädchen brauchen kein Mathe“, als ich die erste Fünf nach Hause brachte. Das war der Anfang vom Ende meiner Mathe-Karriere. Mein Bruder hingegen hat alle Nachhilfestunden der Welt bekommen. Ich dachte allerdings, mittlerweile sei das anders …
    Handarbeiten kann ich trotzdem nicht 🙂

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    • Nein, so wirklich anders scheint es nicht geworden zu sein, auch wenn wir an der Uni, an der ich arbeite, auch einige Studentinnen in den naturwissenschaftlichen Fächern haben, in denen ich das überblicken kann. Ich hatte da großes Glück, meine zwischendurch mal mittelmäßigen Mathenoten wurden ebenso kritisch betrachtet wie Fehlschläge in den Sprachen. Mit dem ausgewogenen Ergebnis, dass ich eine Naturwissenschaft studierte und ziemlich gut Englisch kann. Und über die 4 in Sport wurde dann doch großzügig hinweggesehen.

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  3. Ja, es ist traurig, dass das noch immer so ist. Ich höre soetwas leider auch sehr viel in meiner Gegend, versuche aber sehr, dagegen zu arbeiten. Umso schöner sind dann solche Programme! 🙂
    Viele Grüße, Becky

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