Touri-Wahnsinn

Zufällig habe ich diesen Sommer innerhalb kurzer Zeit zwei der größten Touristenattraktionen Europas besucht. Auch wenn Neuschwanstein und das Jungfraujoch auf den ersten Blick nicht viel miteinander gemein haben, habe ich mich an beiden Orten doch ähnlich gefühlt. Beides wirkt einfach völlig gaga. Das Schloss und die Bergstation, beide hocken sie auf ihrem Felssporn und werden von den Massen gestürmt. Hier zu Fuss und im Pferdewagen, dort mit der Zahnradbahn. Hier prangen die Nibelungen an den Wänden, dort grinst Rattenhörnchen Scrat im Eispalast von der Wand. Eine Grotte hat’s hier wie dort, einmal nachgebaut, einmal natürlich.

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Fotografieren ist auf Neuschwanstein nicht erlaubt. Wenn dort auch noch jeder Bilder machen wollte, würde das eng getaktete Hindurchschleusen der Gruppen nicht mehr funktionieren. Ab in den nächsten Raum. Am Jungfraujoch geht’s auf jeden Fall entspannter zu.

Vielleicht war das der Geist der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und gebaut wurde jeweils auf dem neuesten Stand. Mir erscheint heute beides völliger Wahnsinn. Auch wenn Schlösser in Bayern keine Seltenheit sind. Ebensowenig wie durchlöcherte Berge in der Schweiz. Aber wieso 1869 ein Märchenschloss? Wieso 1894 eine Bahn durch den Berg auf den Berg?

Ein paar Unterschiede gibt’s doch: Die Jungfraujochbahn wurde für den Tourismus geplant und gebaut. Sie war ein vom Bundesrat bewilligtes Projekt, von Anfang an mit der vorausschauenden Auflage versehen, auch Forschung zu ermöglichen. Mit dem Bau feierte sich das moderne Unternehmertum, während nur ein paar Jahre vorher nördlich der Alpen der Feudalismus noch einmal leise weinte, als der weldfremde Ludwig II. für seinen Traum vom Absolutismus in die Staatskasse griff.

Das kostete ihn dann letzten Endes zwar Amt und Leben, bringt aber heute als juristisch umkämpfte Marke dem Freistaat Bayern wohl gutes Geld. Man könnte es also letzenendes doch noch als wirtschaftlich gelungene Investition interpretieren, auch wenn es so nicht gedacht war. Vermutlich würde sich Ludwig beim Anblick, wie sich der asiatische Mittelstand auf Europarundreise busweise durch sein Schlafzimmer schiebt, freiwillig noch einmal in den See stürzen.

Heute sind sie beide Touristenmagnete, und die Erklärschilder zur Toilettenbenutzung machen einem klar, dass Besucher aus Europa hier die Nebenrolle spielen.

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Ich glaube, einmal im Leben dort gewesen zu sein reicht mir.

5 Kommentare

  1. Die Fahrt zum Jungfraujoch habe ich neulich im Fernsehen verfolgt, in einer Serie, die „unmögliche Zugreisen“ heisst. Das könnte mich schon reizen, allein wegen der enormen Arbeit, die dahintersteckt. Neu Schwanstein wird wohl ohne mich auskommen müssen. Ich mag es nicht, durchgeschleust zu werden, ich möchte mir die Dinge in meinem eigenen Tempo ansehen. Von aussen habe ich es schon gesehen.

    Was die Toiletten angeht, so hockt man sich auch in Frankreich und in den Balkanländern noch vielerorts hin. Und in Portugal wird man oft gebeten, das Papier in den Eimer zu werfen …

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