Der Brief

Aus dem absurden Alltag der befristet beschäftigten Wissenschaftlerin

In der Hand halte ich einen Brief in einem handelsüblichen, standardisierten, unscheinbaren, braunen Kuvert. Als ich ihn aus meinem Postfach nahm, rutschte mein Magen beim Anblick des Absenders ruckartig in Richtung Füße, sank meine Fingertemperatur um mindestens fünf Grad und setzte mein Herz ein paar Schläge aus, weil ich auf diesen Brief schon lange warte, aber seinen Inhalt vielleicht gar nicht wissen will. Jeder, der sich schon einmal auf eine Stelle beworben hat, die er unbedingt haben wollte, kennt das Gefühl.

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Ich hasse es zu warten. Aber fast noch ein klein wenig schlimmer als das Warten selbst ist der Moment ganz am Ende des Wartens. Die Ironie des Schicksals ist, dass ich jetzt gerade überhaupt keine Zeit für schwerwiegende Dinge habe, gleich für einige Tage dienstlich verreise, Studenten und Chef schon warten, und der Moment deswegen extrem kurz ausfällt.

Aufmerksame Leser erinnern sich vielleicht, dass über meiner beruflichen Zukunft das Damoklesschwert des Zeitvertrags hängt, und dass ich versucht habe, dieses Gespenst zumindest für ein paar weitere Jahre mithilfe eines Projektantrags zu bannen. In Selbstmitleid badend habe ich in früheren Texten den Prozess des Antragschreibens oder besser des Bettelns um euer Steuergeld für meine Forschung hemmungslos ausgeschlachtet und breitgetreten. Das ist doch schon ewig hier, wird der sehr, sehr aufmerksame Leser nun denken.

Irgendwann waren 20 Seiten Antrag dann auch geschrieben und korrekturgelesen (schreibt man das so?) und nochmal gelesen und nochmal und schließlich im September 2017 hochgeladen und abgeschickt. Und seitdem wartete ich. Die durchschnittliche Bearbeitungsdauer liegt bei etwas mehr als sechs Monaten. Durchschnittlich bedeutet zwar, dass es eine theoretische Chance gab, dass es schneller geht, diese Hoffnung ward aber bereits frühzeitig zunichte gemacht, es gebe da Sitzungstermine. Durchschnittlich bedeutet halt auch, dass es viel länger dauern kann. Da ist nicht viel zu verstehen, aber verstehen heißt noch nicht, damit einverstanden zu sein.

Ich warte seit 11 Monaten. Mache gezwungenermaßen Planungen unter dem Vorbehalt dass oder dass nicht. Melde mich ab und zu auf der Plattform an und lese „in Bearbeitung“ – „Begutachtung“ – „Entscheidungsprozess“. Den Psychoterror auf die Spitze trieb zuletzt der Status „Entscheidung“. Zu wissen, dass die Entscheidung offiziell gefallen ist, aber nicht zu wissen, wie sie genau ausgefallen ist, hat tiefe Bissspuren in der Tischplatte hinterlassen.

Vor einigen Wochen hatte ich bebenden Fingers schon einmal bei der Förderinstitution angerufen. Man hatte signalisiert, ich könnte informell einen Zwischenstand vorab erfragen. Der natürlich nicht verbindlich sei. Die Entscheidung könne auch anders ausfallen. Natürlich nur anders in eine Richtung. Ich nahm den in einer vorsichtigen Formulierung geäußerten unverbindlichen Zwischenstand dementsprechend skeptisch zur Kenntnis. Bloß keine Erwartung aufbauen. Das Bedauerliche an diesem Prozess ist: selbst über eine positive Antwort kann man sich am Ende kaum freuen, weil vorher so viel unangenehme Spannung aufgebaut wurde.

Jetzt ist das Warten offiziell beendet, in diesem unscheinbaren Brief steht die unabänderliche Entscheidung. Da Plan A wie Antrag nicht zu Potte kam, läuft bereits Plan B und Plan C ist auch schon am Start. Es gibt aber auch gute Gründe, warum Plan C eben Plan C ist und nicht Plan A. Es hängt immer noch einiges für mich an diesem Plan A. Ganz unmittelbar erst einmal meine seelische Verfassung für den Rest des Tages der Woche des Monats.

Da ist er also nun, der Brief, der so wichtig für mich ist, und ich habe nicht mehr als 5 Minuten, diesen Moment zu würdigen. Zwischen Tür und Angel mache ich ihn auf und überfliege die wesentlichen Zahlen. Die sehr gut sind. Eigentlich sollte ich jetzt einen Kasten Bier kaufen gehen und ihn ungeachtet der Uhrzeit mit meinen Kollegen leeren. So hatte ich mir das zumindest vorgestellt.

Und dass ich dazu keine Zeit habe, und gleich wieder weg muss, macht das Ganze jetzt doch reichlich skurril. Da warte ich fast ein Jahr und habe dann nicht die Zeit, drei Seiten Gutachten zu lesen und mich mit meinen Kollegen darüber zu freuen.

18 Kommentare

  1. Ich gratuliere dir! 🙂 Das ist doch eine tolle Sache.
    Ich kenne diese Projektanträge, die langen Wartezeiten und das kontinuierliche Wegschieben des Zitterns und Bangens, weil man sonst ja plemplem wird. Umso merkwürdiger ist es, wenn Sache entschieden ist und man auf einmal all das Verdrängte zulassen kann, als wieder her mit den Gefühlen. Aber so schnell geht das dann nicht!
    Jedenfalls wünsch ich dir und dem Team alles Gute. 🙂

    Gefällt 1 Person

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