Endlich wieder

Das Radfahren habe ich dieses Jahr völlig vernachlässigt, obwohl ich doch ganz früh die erste dreitägige Tour geplant hatte. Die ich dann erst verschob und später ganz absagte. Um sie jetzt doch noch zu machen. Ob das inkonsequent ist? Vermutlich.

Zaghaft bin ich in den Keller geschlichen, aber das Rad, das dort für seinen ersten großen Ausflug auf mich wartet, ist neu und weiß nichts von der sträflichen Vernachlässigung seines Vorgängers. Es strahlt sauber und noch fast staubfrei. Vor allem die knallroten Backen der Scheibenbremse leuchten offensiv. Uns ist keine Abfahrt zu steil. Wo soll es hingehen?

Der Plan: drei Tage durch Wetterau und Vogelsberg oder Frankfurt – Fulda und zurück.

Gestern war der bis dahin heißeste Tag des Jahres, die bis dahin wärmste Nacht des Jahres ist gerade einem neuen Tag gewichen. Um auch nur den Hauch einer Chance zu haben, zu einer für die gebuchte Pension noch angemessenen Uhrzeit in Fulda anzukommen, muss ich zeitig los. Den frankfurter Stadtverkehr habe ich schnell hinter mir, es kommen ein paar Radfahrer im Anzug auf dem Weg zur Arbeit entgegen, die ganz unverdrossenen Läufer, die sowieso kein Wetter vom Laufen abhält und ein paar Hunde mit Herrchen an der Leine, die sich von keinem Wetter stören lassen dürfen.

Während in den kleinen Ortschaften, durch die ich komme, Hausfrauen im Kampf um den letzten Parkplatz vor dem Metzger mein Leben aufs Spiel setzen, sind die Straßen außerhalb wie leergefegt. Ein paar Arbeiter entbuschen mit Kettensägen den Bahndamm, dann ist wieder Ruhe. Es wird immer heißer. Ein Staubteufel tanzt übers Feld. Wer ist eigentlich so bescheuert, bei über 30 Grad eine Radtour von mindestens 8 Stunden Fahrzeit mit mehreren hundert Höhenmetern zu planen?

Trübe glänzt die Kinzig in der Sonne. Meist sind die Ufer bewachsen mit matt hängenden Brennesseln und staubigen Brombeeren. Kein Chance auf eine schnelle Abkühlung. Für richtig lange Pause ist in meinem Plan auch keine Zeit vorgesehen. Morgen vielleicht. Wenigstens der kleine Bach Salz sorgt in Bad Soden für kühle Füße und die Apfelbäume rechts und links des Weges spendieren vor Gelnhausen saftigen Zusatzproviant. So habe ich mir das vorgestellt.

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Ich erreiche das obere Ende des Kinzigtals. Wer in Erdkunde aufgepasst hat, dem ist klar, was dann kommt, nämlich die Höhenmeter. Ich lege lieber noch eine Kaffeepause beim Bäcker ein. Die Landstraße geht in einem breiten Bogen den Hang hinauf, der Radweg daneben liegt in der prallen Sonne. War jemals irgendein Anstieg so anstrengend? Ich bin froh um alles, was ich nicht eingepackt habe. Was braucht man schon für drei Tage Radfahren ohne Regen?

Satan lockt kurz vor der Kuppe mit einer Bank im Halbschatten. Du schaffst es nicht, du schaffst es nicht … Satan hat recht, ich schaffe es nicht. Ich liege auf der Bank und schnappe nach Luft. Jeder Schluck Wasser, den ich trinke, sickert unmittelbar unterhalb der Nackenwirbel wieder zutage und läuft den Rücken hinunter. Die Hose hat Salzränder und Sonnencremeschmierränder, die Schienbeine sind mit Dreck paniert und alles, was am neuen Fahrrad heute Morgen mal rot leuchtete ist staubmatt.

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Wir sollten vom Sommer schreiben statt von der Hitze, las ich kürzlich. Sommer ist, wenn eine Bank im Halbschatten als das Paradies erscheint und man für eine Flasche lauwarmes Leitungswasser seine Seele hergibt.

Ich schaffe es doch. Nach der Kuppe kommt die lange Abfahrt ins Tal der Fulda. Mit einem kurzen Halt an einem Mirabellenbaum. Ein großer Ast ist heruntergebrochen und die reifen Mirabellen hängen auf Fingerhöhe. Man muss auch mal Glück haben.

Ich würde wohl so gegen 18:00 ankommen, hatte ich mutig angekündigt. Um 18:10 drücke ich verblüfft auf den Klingelknopf.

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Für den Rückweg gönne ich mir zwei Tag, allerdings hat sich dazwischen auch der Vogelsberg aufgebaut. Höchste Erhebung desselben ist der 773m hohe Taufstein, gleich daneben liegt der Hoherodskopf, mit 746m kaum niedriger. Beides bisher weiße Flecken auf meiner Landkarte, und den Blick vom düsteren Bismarckturm auf dem Taufstein und einen Besuch an der Niddaquelle kann ich mir nicht entgehen lassen.

 

Und dann! Die Bankentürme sind im Dunst schon vom Fenster aus zu sehen, es geht jetzt 80 km lang bergab. Auch wenn die Wetterkiste den Gegenwind auspackt, und es wieder tüchtig heiß wird, das kann mich heute nicht mehr schrecken.

11 Kommentare

  1. Ein toller Text und schöne Fotos und ich frage mich in diesem Moment, warum ich eigentlich nie auf die Idee gekommen bin, einfach mal loszuradeln und in der Fremde zu übernachten. Ich habe ja noch nicht mal Berge hier, sondern nur flaches Land. 🤔 Hmm….so was könnte ich doch tatsächlich mal wagen. Liebe Grüße und danke für diese wunderbare Idee! Regine (ängstlich fragend, ob ich wirklich mutig genug bin, so ganz allein?)

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