Du musst doch nicht fasten!

Nein, muss ich nicht. Aber ist das Müssen nicht sowieso in den meisten Lebenslagen eher ein Hemmnis? Es gibt mehr oder minder kluge Ratgeber, die einem den Rat geben, die Vokabel müssen komplett aus dem Wortschatz zu streichen. Und aus einer gewissen Perspektive ist da vielleicht auch was dran. Müsste ich fasten – wer sollte das eigentlich entscheiden? – müsste ich es also, dann würde ich es vermutlich nicht wollen. Manchmal reicht Disziplin, um die Dinge zu tun, die man nicht tun möchte. Beim Fasten eher nicht.

Also, ich musste nicht. Ich wollte aber. Und es war eine durchaus angenehme Erfahrung, die ich ganz sicher in ähnlicher Form wiederholen werde.

Fasten hat ja eine gewissen Konjunktur. Geht es beim Handyfasten oder Fernsehfasten um den Verzicht auf Fernsehen und Schlaufon, dreht es sich sich beim Saftfasten genau im Gegenteil um das Beschränken der Kalorienzufuhr auf eben Saft. Obstsaft, Gemüsesaft, der Fantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt. Deswegen kann es dabei auch nicht primär ums Abnehmen gehen, denn wer drei Mal pro Tag ein Glas Saft zu sich nimmt, auch eine Viertelstunde lang langsam gelöffelt, wird eher wenig abnehmen. Zucker ist nunmal Zucker, auch der im Obst. Zumal der Energiebedarf sinkt, wenn keine feste Nahrung verdaut werden muss.

All die anderen Flüssigkeiten, denen ich so gerne fröne, seien sie alkoholisch oder koffeinhaltig, ja, auf die sollte man währendessen tatsächlich verzichten. Bei Kaffee schaffe ich das spielend, aber Leben ohne Tee ist natürlich eine extreme Grenzerfahrung. Sei es auch nur für eine Woche. Zumindest Festhalten an der Teetasse war erlaubt, und die psychischen Folgen des Tee-Entzugs wurden durch das dauernde Trinken von Kräuteraufguss gemildert.

An diesem Punkt stört mich immer wieder, das die deutsche Sprache hier nicht differenziert. Sagt der Spanier infusión, weiß ich sofort, dass Skepsis angebracht ist. Fragt die Kollegin auf deutsch, ob ich einen Tee will, sitze ich im Ernstfall unterkoffeiniert mit einer Tasse Schafgarbenaufguss da, und es ist kein Blumenkübel in Sicht, in den ich das Gebräu ungesehen entsorgen kann. Aber, weil das Fasten eben auch den Verzicht auf Koffein beinhalten sollte, und reichlich Trinken sehr angeraten wurde, habe ich mich eine ganze Woche lang heldenhaft an Kräuteraufgüssen festgehalten.

Das Empfinden von Verzicht drehte sich für mich dabei tatsächlich weniger als erwartet um die geliebte Camellia Sinensis. Die bekomme ich schließlich unbegrenzt während der andere 51 Wochen des Jahres. Das Gefühl, etwas zu verpassen, hat sich aber bei saisonalen Höhepunkten wie Holunderblüten, Rhabarber, Spargel und Erdbeeren eingestellt. Sich bei Lebensmitteln, die es nur ein paar Wochen im Jahr überhaupt gibt, selbst einzuschränken, ist mir schwer gefallen. Und es passt auch nicht zu meiner Lebensphilosophie. Nicht, dass ich mir die Mühe gemacht hätte, eine zu formulieren, aber würde ich das tun, dann wäre diese Form des Verzichts nicht dabei.

Lehre Nummer 1: kein Fasten in der Spargelzeit und wohl auch besser nicht während der Kürbiszeit und zur die Apfelernte. Also überhaupt nicht zwischen Mai und Oktober. Im Advent vielleicht auch lieber nicht, auch wenn es da vor christlichem Hintergrund hingehörte, aber Gänsekeule, Plätzchen und Stollen sind einfach zu lecker.

Der nächste Beitrag zum Thema Fasten folgt also wohl im März 2019 ….

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