Buch-Date: Von welken Blütenträumen

Premiere für diesen Blog – heute ist eine Buchrezension dran. Die habe ich bei der siebten Auflage des Buch-Date von Wortgeflumselkritzelkram und Zeilenende für heute versprochen, und Wili hat mir im Rahmen des Buch-Dates dreifach Lesestoff dafür empfohlen. Ich könnte nun hier beginnen zu erklären, wieso ich mich aus den drei spannend klingenden Vorschlägen für „Wovon wir träumten“ von Julie Otsuka, entschieden habe. Allein, ich weiß es nicht, und ich muss auch nicht alles erklären. Die anderen beiden Vorschläge werde ich aber sicher auch bald lesen.

IMG_0408

„Wovon wir träumten“ also. Auf dem Einband der deutschen übersetzten Ausgabe prangen rosa Blüten, und es geht um rosarote Träume geträumt durch rosarote Brillen, die sehr schnell in graue Scherben zerschellen. Wir denken uns zurück in die Zwanziger des 20. Jahrhunderts. Junge Frauen verlassen ihre Heimat Japan in Richtung USA, sie alle sind verlobt und blicken hoffnungsvoll bis ängstlich in eine unbekannte Zukunft mit einem unbekannten Mann. Sie alle sind verlobt mit einem Unbekannten, sie kennen nur sein Bild.

Auch wenn heute kaum eine Frau sich mit einem Foto verlobt, jede Tinderella sollte sich das Gefühl vermutlich vorstellen können. Mit dem Unterschied, dass es für die japanischen Fotobräute kein Weglaufen gab, wenn sich bei der Ankunft herausstellte, dass der fesche Kerl auf dem Foto doch der Kumpel des Ehemannes war oder selbiger mittlerweile zwanzig Jahre älter. Und die Jungs natürlich keine erfolgreichen Geschäftsleute sind sondern Erntehelfer, Gärtner, Wäschereiangestellte. Dass auf die jungen Frauen in ihrem neuen Leben vor allem harte Arbeit und wenig Wohlstand warten. Also genau das, dem sie entkommen wollten, als sie ihre arme Heimat verließen.

Es scheint lange her und weit weg, heute ist Japan ein wohlhabendes Land. Aber doch ist manches nach etwas Nachdenken sehr aktuell. Auch heute sind Frauen verzweifelt genug, sich von Versprechungen auf ein besseres Leben in die Ferne locken zu lassen, und auch heute merken sie erschreckend schnell aber letztenendes doch oft zu spät, dass leere Versprechungen eben genau das sind – leer.

Zurück zu den Japanerinnen, deren rosaroten Träume bei der Ankunft im Sehnsuchtsland Amerika wie rosarote Seifenblasen zerplatzen. Das Buch erzählt aus ihrem Leben, wie sie heiraten, Kinder bekommen oder vielleicht auch keine, wie ihre Kinder erwachsen werden, sterben, wie ihre Ehemänner sie gut oder schlecht behandeln, wie ihre amerikanischen Arbeitgeber sie demütigen oder gut behandeln, wie ihre amerikanischen  Nachbarinnen mit ihren umgehen. Es erzählt die Geschichte all dieser Frauen, ohne eine von ihnen hervorzuheben. Bis während des 2. Weltkriegs die jetzt nicht mehr jungen Frauen mit ihren Familien in Internierungslager geschickt werden, und bei ihren Nachbarn nur eine vage Erinnerung zurückbleibt.

Es ist zwar ein kurzes aber sehr dichtes Buch, weil die Autorin all diese Geschichten in eine auf mich oft gehetzt wirkende Aufzählung packt. Dadurch entsteht einerseits eine gewisse Distanz, weil kein Einzelschicksal ausgeleuchtet wird, sondern die Personen, selbst wenn ihr Name genannt wird, nicht einzeln hervortreten. Den in der Gruppe verschwimmenden Japanerinnen gegenüber gestellt werden ihre Ehemänner, ihre Kinder, ihre Arbeitgeber, ihre Nachbarn, die Amerikaner. Andererseits muss man dabei auch konzentriert lesen, um immer zu wissen, wer „sie“ eigentlich gerade sind, wenn von „ihnen“ die Rede ist.

Anfangs mochte ich diesen verdichteten Stil nicht besonders, ich war sogar kurz davor, das Buch nicht zuende zu lesen. Rückblickend finde ich jetzt aber, dass das durchaus passend ist, weil es das Leben der Frauen tatsächlich gut repräsentieren könnte, zumindest in meiner Vorstellung. Sie stehen eben nicht als Einzelpersönlichkeiten in einer Geschichte, sondern ihre Schicksale gleichen sich im Muster, auch wenn Details anders sind. Sie sind in ihrer Anonymität austauschbar, und sie sind Spielbälle äußerer Einflüsse, die ihr Leben gestalten. Das beginnt mit dem Zufall, zu welchem Mann und in welches Leben sie bei ihrer Ankunft geworfen werden, und es endet mit der Willkür der Inhaftierung.

Und aus der Aufzählung herausgehoben sind starke Sätze drin, die aber fast untergehen. Zum Beispiel:

In dumpfer Benommenheit lagen wir in unseren Kojen  und wussten kaum noch unsere Namen, ganz zu schweigen von denen unserer neuen Ehemänner.

Die meisten von uns redeten vornehmlich wie Damen und gaben vor, weit weniger zu wissen, als es in Wahrheit der Fall war.

(…), die Locke eines Jungen, den wir eins berürht und geliebt hatten, und dem wir versprochen hatten zu schreiben, obwohl wir wussten, dass wir es niemals tun würden.

Einige von uns auf dem Schiff hatten Geheimnisse und schworen sich, sie im Leben nicht ihren Ehemännern anzuvertrauen.

Andere von uns lernten zu leben, ohne überhaupt einen Gedanken an sie zu verschwenden.

Wie man am Telefon fröhlich klang, selbst wenn man verärgert oder traurig war.

 

Links zu allen anderen Buch-Date-Besprechungen findet Ihr hier: https://wortgeflumselkritzelkram.wordpress.com/2017/12/08/buch-date-gesammeltes/


Julie Otsuka: „Wovon wir träumten“, Mareverlag

Taschenbuchausgabe: 2012, ISBN: 978-3-442-47968-9, 160 Seiten

Originaltitel: „The Buddha in the Attic“, erschienen 2011

3 Kommentare

Was meinst Du dazu?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.