Eins aus drei

In der letzten Zeit habe ich mehrfach sehr spontan „Ja, bin dabei!“ gerufen, entweder weil ich eh schon länger über eine Aktivität nachgedacht hatte, weil ich mal was Neues tun wollte, weil der Vorschlag vom richtigen Menschen kam, oder einfach weil ich in einem schwachen Moment überrumpelt wurde. Konkret zu nennen wären da unter anderem die Grippeschutzimpfung, der Besuch einer Modenschau, die Teilnahme an einem naturwissenschaftlichen Mentoringprogramm für Schülerinnen (https://www.cybermentor.de/)  und als Krönung der spontanen Experimentierfreudigkeit: Das Buch-Date von Wortgeflumselkritzelkram und Zeilenende.

Da schon länger in festen Händen ist meine Dating-Erfahrung insgesamt übersichtlich und so ein Blind-Date mit einer Internetbekanntschaft, das klingt doch erstmal nicht sehr seriös. Aber Bücher sind vertrautes Terrain und das Buch-Date ist natürlich über jeden Zweifel erhaben. Ich freue mich auf die Bücher, die Wili für mich ausgesucht hat, alle drei klingen spannend, und ich habe mich noch nicht entschieden, welches davon hier am 08.12. eine Rezension bekommt.

Die Zielperson meiner Leseempfehlungen ist Zeilenende, derzeit erstaunlich hintergrundpräsent hier im Norden. Ich bin sicher, er manipuliert mich. Das trickreiche an Online-Bekanntschaft ist ja, dass man recht schnell meint, da einen Menschen ein bisschen zu kennen, aber natürlich kennt man nur die Seite, die derjenige freiwillig von sich selbst offenbart und darstellt. Man kennt also das Bild, das man sich selbst auf Basis der Selbstdarstellung des anderen macht. Also fast wie im analogen Leben auch, nur dass da die Selbstdarstellung vielleicht etwas mehr Aufwand bedeutet und das Äußere eine größere Rolle spielt.

Tatsächlich kenne ich Zeilenende gar nicht und diesem Menschen, den ich nicht kenne, darf ich nun drei Bücher empfehlen, auf dass er eines davon auswähle und lese und rezensiere. Natürlich darf er auch alle drei. Und natürlich darf auch jeder andere Leser einen der Lesetipps aufgreifen.

Liebes Zeilenende, auf die Gefahr hin, dass Du von Deinem Lieblingsautor Lem schon alles gelesen hast, empfehle ich Dir von ihm Gast im Weltraum, einen frühen Lem, der sehr anders ist als die bekannteren Werke. Was mir an dem Buch und ganz allgemein an Science Fiction aus der Vergangenheit gefällt, ist die Diskrepanz zwischen Vision und dann eingetretener Realität, wie z. B. das Fehlen technischer Neuerungen, die wir heute ganz selbstverständlich finden, in dem Fall z. B. Farbbildschirme.  Noch interessanter finde ich aber, und das ist jetzt speziell an Gast im Weltraum, das fast etwas plump mit dem Holzhammer daherkommende Feiern kommunistischer Errungenschaften wie des totalen Siegs über das Privateigentum, das in einem deutlichen Kontrast zur Subtilität und Komplexität späterer Texte von Lem steht. Ich selbst besitze eine DDR-Ausgabe von 19-hundert-kann-ich-leider-gerade-nicht-nachschauen (*), und ich hoffe, die ist nicht diesbezüglich speziell editiert.

Mit  der zweiten Empfehlung möchte ich in der DDR bleiben und Dir Nur Engel fliegen höher von Wim Westfield ans Herz legen, ein erschreckend plausible BRD-DDR-Geschichte, die den familiären Hintergrund des Mädchens von nebenan beschreiben könnte. Leider sind Geschichten ohne Happy-End meistens doch die besseren und die, die im Gedächtnis bleiben.

Noch tiefer in die Abgründe nicht nur des Ozeans sondern des menschlichen Charakters würde Dich Rausch von John Griesemer führen. Eine zugegeben nicht ganz kurze Reise in die Geschichte, zurück in die Zeit einer technikgläubigen Gesellschaft, als Amerika und Europa endlich mit einem Kabel zur Nachrichtenübermittlung verbunden werden sollten. Ohne den letztendlichen Erfolg dieser Mission würden wir uns jetzt wohl hier nicht gegenseitig auf diesem Wege schreiben. Die Reise übers Meer mit ihren Rückschlägen führt aber nicht nur technisch am Ende nach vorn sondern auch weit hinab in seelische Niederungen, und hat mich derart fasziniert-beklommen zurückgelassen, dass ich nicht sagen kann, ob ich es selbst noch einmal lesen möchte, es aber trotzdem empfehle.

Eins, zwei oder drei?

(*) Nachtrag: es ist eine Auflage des buchclub 65, ich vermute aus dem Jahr 1968.

9 Kommentare

  1. Oha … Ich habe gerade ernsthaft nach einer dreiseitigen Münze gesucht, die mir die Entscheidung vereinfacht, denn ich habe alle drei Bücher noch nicht gelesen und alle drei sprechen mich auf unterschiedliche Art und Weise an … Deshalb: Vielen Dank für die schönen Empfehlungen, entscheiden konnte ich mich lustigerweise dennoch dann ganz schnell. 🙂

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