Auf Halde

Halden haben sich im Ruhrgebiet nicht nur als Landschaftselemente sondern auch als Kunstsockel dauerhaft etabliert. Die Kunst muss sich der Betrachter aber erarbeiten. Wege führen über Haldenschotter zwischen mageren Bäumchen meist mit konstanter Steigung nach oben, für Eilige gibt es die steilere Abkürzung entlang der Senkrechten.

Von oben hat man erst einmal Sicht. Aber was für eine Sicht? Wenn wir in unserer Wohnung in gerade-so-nicht-mehr-Ruhrgebiet im dritten Stock Gäste haben, rühmen diese häufig die Aussicht aus dem Esszimmer. Ja, wir können weit schauen. Weiter als von den meisten Halden. Eine Halde sehen wir übrigens auch, dafür muss ich aber schon recht seitlich kucken. Ich weigere mich aber, einen Blick, der zwar einiges an Grün enthält, trotzdem aber vor allem bei klarem Wetter von Kühltürmen und Schornsteinen und ihren Dampfschwaden dominiert wird, als „tolle Aussicht“ zu bezeichnen. Wir können weit schauen. Deswegen sind wir weder besonders weitsichtig, was unsere Lageeinschätzung angeht, außer vielleicht bei herannahendem Gewittern, noch ausgeprägt weitsichtig in Bezug auf unsere Sehfähigkeit. Im Gegenteil, nehmen wir die Brillen ab, können wir auch so ein großes Kraftwerk am Horizont schon mal übersehen.

Um jetzt noch so richtig abzuschweifen: Auch Windkraftanlagen sind zwar wahrlich nicht immer und überall eine Augenweide, aber jeden, der sich allzu sehr an ihnen stört, lade ich ein, einmal die Aussicht auf ein Braunkohlekraftwerk oder noch besser gleich mehrere zu genießen. Sie sind gleichfalls keine Zierde der Landschaft.

Und da sind wir wieder bei den Halden. Sie beenden irgendwann die Phase der aktiven Berufstätigkeit und werden, vielleicht mit etwas renaturierender Nachhilfe und falls nötig Entgiftung, irgendwann von der Natur übernommen und passen sich im Ideallfall langsam der Landschaft an. Ein wenig zu perfekt geformt vielleicht, um natürlichen Ursprungs sein zu können. Aufgrund ihrer Entstehungsgeschichte liegen die meisten von ihnen in der Nähe von geschlossenen Bergwerken, Gasometern, Kraftwerken, tiefen Löchern und ähnlichen Höhepunkten der Landschaftsgestaltung.  Demzufolge hat man von den begrünten Halden als Landmarken des Strukturwandels zwar Weit- und Fernsicht, die Qualität der Aussicht ist aber nicht jedem ohne weiteres zugänglich, vor allem nicht einem so verwöhnten Mittelgebirgler wie mir.

Um Halden also auch für zugezogene Ignoranten wie mich interessant zu machen, stellt man Kunst darauf, die in ihren Dimensionen der Halde angemessen ist. Man könnte sich jetzt fragen, was da die Henne und das Ei ist. War da zuerst die Idee der großformatigen, dreidimensionalen Kunst, die einen Standort suchte, oder der wüste Standort, der einen Schmuck suchte? Jedenfalls gehen Kunst und Halde gerne eine touristisch relevante Symbiose ein.

Zum Beispiel in Essen mit der Bramme oder etwas spektakulärer in Bottrop mit dem Tetraeder.

Und hier ist meine Neuerwerbung im Haldensortiment: in Duisburg. Tiger und Schildkröte verknoten sich da zur begehbaren Achterbahn. Und weil Höhenangst ein Konzept ist, das man während meiner Kindheit vergessen hat, mir beizubringen, wofür ich im übrigen sehr dankbar bin, gibt es beim Anblick dieses begehbaren Kunstwerks natürlich nur eine Richtung – die nach oben.

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