Archimedes denkt: Was müssen wir wissen

Vor einiger Zeit las ich einen nicht zu tief gehenden online veröffentlichten Bericht, Artikel, Text zum Thema Computerunterricht in Schulen, gefolgt von einer Nutzer-Diskussion um sinnvolle Inhalte eines solchen einschließlich Erörterung der Fürs und Widers des Erlernens einzelner Programmiersprachen. Ein Thema, das sogar am Rande des Landtagswahlkampfes in NRW auftauchte. Der Text war wenig gehaltvoll, die Diskussion ebensowenig, beides vermittelte mir aber den Eindruck, dass man bei diesem Thema in etwa so weit zu sein scheint wie zu meiner Schulzeit.

Mein Abiturjahrgang begeht bereits deutlich zweistellige Jahrestreffen, zu denen ich aus verschiedenen Gründen allerdings nicht gehe. In dieser Zeit habe ich einiges gelernt und schaue mittlerweile immer häufiger verblüfft auf meine Schulzeit zurück. Die ich damals nicht mochte. Es wird gerade viel diskutiert über Sinn und Unsinn von G8 und G9, hätte man mir damals G8 angeboten, hätte ich ohne Nachdenken sofort unterschrieben. Mein simples Credo lautete: Abitur je eher desto gut und dann bitte weg.

Heute betrachte ich das durchaus etwas differenzierter und sehe mit Schrecken die ideologischen Gräben, über die da hinweg gestritten wird, während unten in den Gräben die derzeitigen Schüler versuchen, sich mühsam über Wasser zu halten. Persönlich betrifft mich das alles nicht konkret, bis die Absolventen an der Uni bei mir landen, haben sich die Unterschiede der Schulzeit längst verwischt.

Was mich am entsprechend unsentimalen Rückblick auf meine eigene Schulzeit verwundert, ist, dass ich in der Schule trotz dieser ablehnenden Haltung tatsächlich nützliche Dinge gelernt habe, ohne es mitbekommen zu haben. Ich weiß zwar nicht mehr, wie meine Erdkundelehrer hießen, aber da ich eine Landkarte interpretieren kann, haben sie ihre Aufgabe insgesamt gut erfüllt. Oder ich habe es irgendwo anders gelernt, ich kann es jedenfalls, und nur das bringt mich im Ernstfall wieder nach Hause. Die Sache mit den Höhenlinien hat mich in der Grundschule noch nachhaltig beeindruckt, danach ist in meiner Erinnerung ein große Leere, die Wissensvermittlung hat aber zu irgendeinem Zeitpunkt stattgefunden.

Und was haben wir Erörterungen geschrieben über Themen, die uns nicht interessierten und Analysen von Texten, die wir nicht verstanden. Die Schülerfrage, wofür ich Goethe, Schiller, Heinrich Böll oder Günther Grass lesen soll, lag auf der Hand. Aber ganz nebenbei ist hängengeblieben, dass es Regeln für Zeichensetzung oder Zusammen- und Getrenntschreibung gibt, die ich nachschlagen könnte, und habe ich heute eine Vorstellung davon, wie man ein Protokoll schreibt, wie man einen Text liest und analysiert, wie man zitiert, wie man einen Text gliedert. Meine Studenten können von den letzten beiden Punkten ein Klagelied singen. Ich erwarte, dass sie das, was sie sich am ollen Goethe irgendwann erarbeitet haben, heute auf ihre Auswertung von Messergebnissen übertragen können. Und dass auf den Unter-Gliederungspunkt a) ein Gliederungspunkt b) folgt.

Ich bin Naturwissenschaftlerin, aber meine Welt besteht deswegen nicht nur aus Zahlen, Messwerten und Gleichungen. Hätten wir damals wohl nicht gedacht, als wir als Erstsemester im Alten Hörsaal zur Einführungsveranstaltung saßen. Gut, die anderen mögen schlauer gewesen sein und wussten das, die wussten eh erschreckend viel, das ich Kind nicht-studierter Eltern nicht wusste, aber ich habe seinerzeit zumindest nicht gedacht, dass ein wichtiger Teil meiner Arbeit mal darin bestehen würde, aus Messwerten abgeleitete Fakten in ganze Sätze zu gießen.

Brauche ich meine schulischen Erkenntnisse über Gretchen und Iphigenie heute für irgendwas? Nein, es interessiert niemanden, was ich darüber heute noch weiß. Und es ist völlig egal, welche Autoren ich gelesen habe, und ob ich noch Versmaße korrekt erkennen kann oder ein Gedicht auswendig. Physiker werden derlei selten gefragt, und sollte man im Kollegenkreis ungefragt derartiges Wissen kundtun, würde man vermutlich misstrauisch beäugt. Aber damals in der 11. Klasse wusste noch niemand, was ich mal werden würde. Als Germanist hätte ich derlei Schulwissen vielleicht sogar nochmal zu schätzen gewusst und würde heute darüber lächeln, das mal jemand von mir verlangt hat, Parameter eines Schwingkreises zu berechnen. Es schadet aber auch dem Germanist nicht, zu wissen, was das ist.

Wichtig ist eben nicht und war noch nie, welche Bücher wir gelesen haben, und worüber wir Aufsätze geschrieben habe, ob über Gedichte oder den Kassenzettel der Deutschlehrerin. Aber dass analysieren und gliedern, und einen Text lesen,  Informationen extrahieren und wiedergeben können, das ist wirklich wichtig, egal in welchem Beruf. Heute ist mir klar, dass ich seinerzeit die falsche Frage gestellt habe. Es ging in den meisten Fällen nicht um das zum Teil austauschbare und beliebige Wissen, auch wenn der von seinem Fach überzeugte Lehrer uns vielleicht sogar glauben machen wollte, dass in unserem Leben der Moment kommen werde, in dem uns das Nichtwissen all jener Fakten um Reichtum und immerwährendes Glück bringen werde. Vermutlich hat dieser Moment in meinem Leben einfach schon stattgefunden, ohne dass ich es bemerkt habe.

Es ging aber doch eigentlich um Lerntechniken und Konzepte, das hat uns nur keiner verraten, und vermutlich hätten wir es auch nicht verstanden. Vergleiche den idealisierten Heile-Welt-Bauernhof mit einer ostdeutschen LPG  – steht das eigentlich immer noch in den Erdkundelehrbüchern? Selbst wenn. Grundlegende Merkmale eines Sachverhalts beschreiben und analysieren, darum ging es. An welchen Beispielen ich was gelernt habe, ist heute völlig unwichtig.

Am wichtigsten ist doch, dass wir als junge Menschen Lernen lernen und es im Laufe des Lebens nicht wieder verlernen. Und ich erwarte von den Studenten, die ich betreue, die Bereitschaft und die Fähigkeit sich mit meiner Hilfestellung etwas für sie neues eigenständig zu erarbeiten.

Und welche Programmiersprache sollen Schüler nun meiner Ansicht nach im Informatikunterricht lernen? Jede ist erstmal besser als keine. Der Lehrer sollte sie können, sonst wird’s vermutlich didaktisch eine Katastrophe. Wer kann schon genau wissen, welche in zehn Jahren für einen heutigen Schüler wichtig ist. Beim aktuellen Tempo vermutlich eine, die es noch nicht gibt, konzipiert für Anwendungen die wir heute in die Rubrik und-wofür-soll-das-gut sein einsortieren würden; als ich noch zur Schule ging, dachte man bei Java schließlich auch noch zuerst an Indonesien. Aber wenn Schüler, während die Ideologen noch über den einzig wahren Inhalt des Lehrplans streiten, schon mal an einem Beispiel den Sinn und das Konzept des Programmierens erlernten, dann wäre viel gewonnen. Und bitte, bitte auch die Mädchen.

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3 Kommentare

  1. Ich habe damals noch „Turbo Pascal“ über mich ergehen lassen müssen. Davon geblieben ist – nichts! Nur die Erinnerung, ausgesprochen erfolgreich Endlosschleifen programmiert zu haben. Immer und immer wieder. Unabsichtlich, wohlgemerkt! 🙂

    Auch wenn ich nur halbstudierter Germanist bin, aber „Schwingkreis“ musste ich googeln. Und ich bin mir ziemlich sicher, die Erklärung nicht begriffen zu haben… 🙂

    Gefällt 1 Person

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