Kaltbadetag

Mit den Kontaklinsen ist es so eine Sache. Der naheliegende Vorteil besteht darin, dass ich damit auch ohne Brille etwas sehen kann, wenn die Brille mal stört. Heute ist so eine seltene Gelegenheit, und ich bin extra noch früher als eh schon früh aufgestanden, um die Dinger vor die Augäpfel zu zirkeln. Ich weiß ja nie, was vorn und hinten ist, einmal hat es mir jemand so anschaulich erklärt, dass ich es verstanden zu hatte, aber ich habe es dann trotz Verstandenhabens wieder vergessen. Die rechte Linse fühlt sich komisch an, die ist bestimmt falschrum. Bis mittags muss ich aber damit überleben, wie überhaupt das Überleben das Thema des Tages ist. Und zwar mein Überleben.

Auch mit Schwimmbädern ist es so eine Sache. So ähnlich wie beim Friseur, ab und zu kommt man einfach nicht drum rum. Äußerst gelegentlich will ich sogar mal aus eigener Motivation hin, aber dieses Jahr war ich schon schwimmen, damit ist mein Bedarf eigentlich gedeckt. Vom 3-Meter-Brett bin ich nicht mehr gesprungen, seit ich so alt bin, dass man das nicht mehr  aus Gruppenzwang machen muss. Überhaupt haben Schwimmbäder deutlich an Attraktivität verloren, seit ich nicht mehr meine Mutter vorher fragen muss, ob ich hindarf. Statt Schwimmen gehe ich lieber paddeln und bemühe mich dabei, nicht oberhalb der Knie nass zu werden.

Und trotzdem das alles so Sachen sind, bin ich mit Kontaktlinsen in den Augen auf dem Weg zum Schwimmbad und weiß noch nicht viel mehr, als dass man bei der Aktion vom 3-Meter-Brett springen soll.

Die „Aktion“ ist ein beruflich verordneter Seenotrettungskurs. Unter den Teilnehmern sind alte Hasen, die schon gar nicht mehr wissen, wie oft sie das schon absolviert haben und ein paar Neulinge wie ich. Zuerst werden Overalls verteilt. Ich schlappe in so einem grauen Teil in Übergröße durch das Schwimmbad und bemühe mich, nicht über die zu langen Beine zu stolpern. Vom Seenotrettungskurs wegen eines Sturzes auf die Schwimmbadfliesen evakuiert zu werden, wäre mir zu makaber. Der Trainer verkündet freudestrahlend, dass der Wind draußen etwa Stärke 5 habe, und dass wir deswegen draußen üben werden. Ich habe aber den Verdacht, dass wir das auch ohne Wind getan hätten, es sei denn, es wäre so kalt, das der Kursleiter draußen fröre.

Dort stehen wir dann am Beckenrand und bekommen das Programm erklärt. Noch ist der Overall trocken und angenehm warm, doch das wird sich ändern. Das Wasser glitzert schon hämisch.

Die Tortur beginnt mit einem Sprung – Überraschung – vom 3-Meter-Brett. Jetzt bloß nicht nach unten schauen. Ich bin höhenstabil, 600 m Klippe am norwegischen Fjord sind kein Thema. Ich könnten hier den halben Tag lang auf dem 10er sitzen, ein Buch lesen und dabei die Beine baumeln lassen. Aber runterspringen? Springen ist ganz schwer. Das fängt bei etwa zwei Metern schon an. Bloß nicht vorher nach unten schauen. Blick geradeaus in den nächsten Baum und ein Schritt nach vorne.

Im Wasser angekommen, hat man sich der treibenden Rettungsweste zu bemächtigen, und zwar bevor sie durch das Gewicht der CO2-Patronen untergeht, sie überzuziehen, das Aufpusten auszulösen und den Gurt umzulegen. Die Rettungsinsel treibt kopfüber, jeder muss sie einmal drehen und ohne Hilfe hineinkrabbeln. Als alle Teilnehmer dran waren, geht es wieder aus dem Becken. Im Wasser war es nach einigen Minuten schon unangenehm kalt. Jetzt stehen wir in nassen Overalls bibbernd in der schönen Windstärke 5 und können gar nicht schnell genug wieder reinkommen.  Noch ein Sprung vom Brett mit Schwimmweste, die mir beim Eintauchen über den Kopf rutscht. Ja, ist schon klar warum man die Dinger an sich festbinden soll. Lektion verstanden.

Als nächstes Gruppenübung – alle müssen rein ins Gummiboot, es regnet dabei kalt aus dem Wasserschlauch, ein Bewusstloser ist auch noch hineinzubugsieren und nebenbei muss jemand Wasser aus dem Boot schöpfen. Hubschrauber kommt leider keiner. Der Teil erscheint mir sehr realistisch.

Es folgen noch einige Schwimmübungen, die mich daran erinnern, warum ich nicht gerne im Schwimmbad bin. Nur so, falls ich es vergessen hätte. Und dass ich schlecht schwimmen kann. Falls ich auch das vergessen hätte. Und Theorie gibt es hinterher natürlich auch noch. Was man schon immer mal von den Flugbegleitern wissen wollte – jetzt ist die Chance, es zu fragen.

Eigentlich ist so ein Kurs sehr informativ und nützlich. Es ist so ähnlich wie beim Erste-Hilfe-Kurs, es leuchtet ein, dass man für bestimmte Situationen, deren Eintreten man sich nicht wünscht, mit Wissen ausgerüstet sein sollte, um die Überlebenschancen aller zu erhöhen. Ich weiß jetzt, wie bescheiden die Rettungsweste sitzt, dass sie mich aber trotzdem oben halten wird, und wie schwierig es ist, ein Rettungsfloß zu drehen, dass es aber machbar ist. Sollte ich also eines Tages ungeplant im kalten Nordatlantik landen, was dann?

Das Lernziel war, dass ich dann weiß, wie es geht und es schaffe, mit Rettungsweste überm Kopf in einer Rettungsinsel zu sitzen zu kommen, bevor mir der Atlantik meine Bewegungs- und Koordinationsfähigkeit raubt. Und dafür scheint mir das Zeitfenster doch sehr, sehr klein zu sein. Und wieviel Übung hat man nach so einem Kurs? Einmal ist schließlich keinmal. Bleibt also doch nur zu hoffen, dass ich das alles nie brauchen werde.

Daumen drücken.

Da zum Fotografieren wirklich keine Zeit war, habe ich mir das Beitragsbild bei den Wikimedia Commons geborgt: https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AProjekt_Fotoflugkurs_Cuxhaven_2013_02_by-RaBoe_124.jpg

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6 Kommentare

  1. Als nicht ganz schwimmfester Mensch würde ich mich auch keinesfalls dem Atlantik nähern. Aber freilich, es könnte auch ein Flugzeug notwassern müssen. Brrr… besser nicht dran denken. Ja, und genau deshalb wüsste auch keiner, was zu tun wäre. Kann man nur hoffen, dass du gerade in der Nähe wärst und angekrault kommen würdest. 😉

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