Reisende, die umsteigen

Der Flughafen von Philadelphia kommt näher und dockt hart an das Flugzeug an, das Bugrad bekommt Bodenkontakt, die Maschine schlingert heftig. Ein bisschen zu heftig für meinen Geschmack, und das Draußen rast beunruhigend schnell vorbei. Längere Bremswege bei Regen werden bei der Länge der Landebahn doch hoffentlich berücksichtigt. Ja, es herrschen tatsächlich die widrigen Witterungsbedingungen, deretwegen der Flug nun etwa 70 Minuten verspätet ist, da kann man nichts machen. Ich will hier nur umsteigen, meine Umsteigezeit beträgt nach Flugplan 70 Minuten. Mein Anschlussflug startet JETZT.

Den Passagieren werden aber Hoffnungen gemacht, dass AA750 nach Frankfurt wartet. Solche Versprechungen bewirken bei mir, dass ich das sowieso schon reflexartig an Flughäfen und Bahnhof erhöhte Marschtempo noch deutlich steigere, auch wenn das Großhirn verzweifelt versucht, dem Rückenmark klarzumachen, dass das übertrieben ist. Wenn AA750  wartet, dann auch auf die Dame mit dem Rollköfferchen, die vor mir in der Tür trödelt.

Der Flughafen von Philadelphia rennt an mir vorbei, kommt dabei im Gegensatz zu mir aber nicht aus der Puste.

Es gibt da so einen Test mit Kindern, die vor einer Süßigkeit sitzen und sie nicht essen sollen. Die, die das schaffen, bekommen am Ende des Versuchs zwei Süßigkeiten, die es nicht schaffen, hatten eben nur eine, dafür früher. Angeblich verdienen die, die warten können, später im Leben mehr Geld.

Am vorigen Flughafen mit mehr Zeit als Geduld war ich für einen längeren Moment versucht, meine verbleibende Barschaft von 10$ in Kalorien in Form von überteuertem Milchkaffee und ebensolchem Gebäck umzusetzen. Das erschien mir dann aber unklug, weil ich nach den ersten vier Stunden Flug ohne zwischenzeitliche Verpflegung während desselben beides am Umsteigeflughafen Philadelphia sicher viel mehr schätzen würde. Die gute Stunde Zeit würde dafür locker reichen.

Tja, diese Beherrschung sorgt nun dafür, dass ich mit mehr Geld im Geldbeutel als geplant nach Hause zurückkehren werde, das dann für die nächsten paar Jahre in der Schublade schlafen wird. Eigentlich legt der Kinderversuch nahe, dass ich auf magische Art und Weise für den heroischen Verzicht auch noch mit zwei Kaffee belohnt werden sollte. Irgendetwas hat da mit der Magie aber nicht geklappt und statt Geld in Kalorien setzte ich jetzt Kalorien in Bewegung um. Ja, sinnvoller ist das, ich hatte es mir aber anders vorgestellt.

Ganz am Ende des Gangs liegt Gate A24, ein Mitarbeiter verlangt meinen Pass zu sehen und das Scannen des Telefondisplays mit der Bordkarte. Eine Variante der klassischen Pappkarte, die ich auf dieser Reise zum zweiten Mal probiere, und die ich sehr praktisch finde, weil sie mir einen Schalterbesuch erspart. Zuhause habe ich die Bordkarten sicherheitshalber auch noch ausgedruckt, auf der Rückreise ist das wie meistens nicht machbar. Alle, ausnahmslos alle Scanner auf dieser Reise verlangten jedenfalls, dass das Telefon bei diesem Vorgang mit dem Display nach unten gehalten werde. Dieser nicht. Display nach oben! Warum? Egal. Ich bin drin im Flugzeug, ich werde hoffentlich irgendwann morgen früh in Frankfurt ankommen, alles andere ist mir vorläufig egal.

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Die Frau auf dem Platz neben mir richtet sich gerade ein. Sie fragt freundlich, wo ich denn gerade hergehetzt komme, und macht eine nette Bemerkung über meinen Akzent, wenn ich Englisch spreche, ich klänge gar nicht wie deutsch. Nun, ich weiß, dass das eine charmante Nettigkeit ist, die Muttersprachler gerne sagen, wenn sie überhaupt nicht wissen, in welche Herkunftsschublade sie mich packen sollen, und beruhige sie, der komische Akzent käme davon, dass ich zwar eigentlich einen deutschen solchen hätte, aber mal länger in Australien war, wo ich unter starkem asiatischen Einfluss mein Englisch derart perfektionierte, dass auch die langjährige kalifornische Kollegin diese Auswüchse nicht mehr korrigieren konnte. Ich sage der freundlichen Dame also, dass es verständlich sei, dass sie das nicht perfekt zuordnen könne. Das sage ich immer, wenn jemand über meinen Akzent beim Englischsprechen sinniert und daneben liegt. So ein richtiges Kompliment ist die Unterstellung eines niederländischen Akzents jetzt aber auch nicht.

Während wir Flugzeug-Smalltalk treiben, reibt sie die Lehnen ihres Sitzes, den Patsche-Bildschirm vor sich und überhaupt alles Oberflächen in unmittelbarer Reichweite mit einem Desinfektionstuch ab. Sie bietet mir auch eins an.

Ich schnappe derweil beim Sprechen immer noch verzweifelt nach Luft und ziehe nacheinander alles aus, was im Rahmen der amerikanischen Schicklichkeit akzeptabel ist. Ich bin gerade mit Rucksack und Tasche 1 km über einen Flughafen gerannt, konfrontiert mit der unerfreulichen Tatsache, dass ich das sehr flotte Anfangstempo nicht durchgehalten habe, sondern dazwischen immer mal wieder langsamer machen musste, weil jede Form von Kondition, die ich irgendwann im Leben hatte, lange vergessen ist. Ich schwitze feucht vor mich hin.

Auf die Gefahr hin, mich bei der Hälfte meiner weiblichen Leser völlig unmöglich zu machen: Ich habe eine Abneigung gegen alles, was entfernt nach Hygiene-Fimmel aussieht, und das Desinfizieren von Sitzarmlehnen gehört definitiv dazu. Ich habe auch Sauberkeits-Marotten und meckere zuhause, wenn der Ingenieur beim Staubsaugen nicht auf die Details achtet, auf die ich achte. Er achtet dafür auf andere, und wenn wir uns abwechseln, schaffen wir es insgesamt, der Verwilderung unserer Wohnung ausreichend Einhalt zu gebieten. Ausnahmen bestätigen die Regel, aber man muss es ja nicht übertreiben.

Also kein Desinfektionstuch für mich. Kurz nach dem Kopfschütteln dämmert mir, dass das jetzt vermutlich ziemlich unhöflich von mir war und meine Sitznachbarin vielleicht gerade leidet. Nicht nur, dass da neben ihr ein nicht desinfizierter, bakterienbeladener Sitz lauert, darauf sitzt auch noch ein durchgeschwitztes, langsam wieder Luft bekommendes, reichlich derangiertes Wesen, das seit dem letzten zeitverschobenen Abend nicht geduscht hat und sich zwischen dem Luftschnappen immer wieder räuspern muss. Man könnte auch Keimschleuder sagen. Unsere Konversation ist für den Rest des Fluges beendet.

Mittlerweile sind wohl alle Passagiere da, es dauert aber noch bis alles Gepäck umgeladen ist, so dass wir mit reichlich Verspätung den festen Boden verlassen. Ausnahmsweise sollte ich mal nicht darüber meckern, ich gehöre heute zu denen, auf die gewartet wurde, und wahrscheinlich hätte ich auch ein zivileres Tempo einschlagen können oder wenigstens weniger Leute anrempeln.

Das Wetter ist nicht besser geworden, es rüttelt und schüttelt mächtig. Es wird kalt, und ich ziehe Schicht um Schicht wieder an. Durchsage nach Durchsage vertröstet den durstigen Passagier, ich habe zum Glück noch zu trinken und entspanne mich langsam. Kurz nach Erreichen der Reiseflughöhe wird über Lautsprecher nach Arzt, Sanitäter, Krankenschwester an Bord gefragt, und Flugbegleiter rennen mit Notfallkoffer hektisch hin und her. Der Lautsprecher verlangt nach Farsi-Kenntnissen. Die Phase des Mir-vorläufig-alles-egal-Seins ist beendet. Schließlich verringert sich die Betriebsamkeit wieder, und meine kurzfristig aufgeflammte Sorge einer ungeplanten Umkehr Richtung Westen entschläft friedlich.

Die kurze Nacht zieht sich schier endlos, ist aber auch irgendwann vorbei. Meine desinfizierte Sitznachbarin sieht bei der Landung aus wie frisch gebügelt und schäkert gutgelaunt mit dem Kind aus der Mittelreihe. Ich dagegen fühle mich nicht nur, als hätte ich acht Stunden auf einem Flugzeugsitz eingequetscht verbracht, ich sehe auch so aus. Ich fange an, sie zu hassen.

Mein Maß der Widrigkeiten ist für diesmal zum Glück voll, das Ende der Reise verläuft ohne jede Aufregung. Ach, wie schön leer und pünktlich doch der ICE und die S-Bahn am späten Vormittag sind! Ich sollte häufiger um diese Tageszeit Bahnfahren.

In der heimatlichen Küche begrüßt mich die Teekanne mit dem ihr eigenen freundlich-geheimnisvollen Mona-Lisa-Lächeln. Sie weiß das alles. Mein Buddha! Ich bin zuhause!

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