Archimedes denkt: Der Antrag

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Die moderne Frau muss vieles in die eigene Hand nehmen, wofür man vor einigen Jahrzehnten noch den Mann für zuständig befand, darunter nichts geringes als die Sicherung ihrer Zukunft. Daher sind Anträge heute nicht mehr Männersache, sondern die zu allem entschlossene Weiblichkeit muss sich selbst den Unwägbarkeiten des Schicksals stellen und mutig den Konsequenzen entgegensehen.

Im tiefsten Innern unserer Herzen sehnt sich vielleicht manche bequeme innere Schweinehündin in Zeiten zurück als es für Frau genügte, schicksalsergeben zu warten, im richtigen Augenblick sacht errötend „ja“ zu hauchen, und wenn nichts schief ging, war ein Auskommen für den Rest des Lebens gesichert. Damit kommen wir heute glücklicherweise nicht mehr durch, hatte die beschriebene Situation doch auch gravierende Nachteile, die hier nicht weiter vertieft werden sollen.

Aber wie wohl viele Frauen meines und jeden anderen Alters träume auch ich dennoch hoffnungslos optimistisch vom Antrag als Lösung aller Probleme. Meinem Glück stünde dann nichts mehr im Wege, und ich könnte heiter und gelassen in die Zukunft blicken.

Der ein oder andere Leser mag sich allmählich verwundert die Augen reiben und mutmaßt vielleicht schon, dass mein Blog von einer Romantikerin gekapert wurde. Oder, dass er oder sie sich doch einfach gründlich in mir geirrt habe.

Nach Definition des statistischen Bundesamtes befinde ich mich in einem atypischen Beschäftigungsverhältnis, dessen vertraglich festgelegtes Ende dunkel dräuend am Horizont heraufzieht. Noch ist es ein ganz kleines unscheinbares Wölkchen. Aber in dunklen, kalten, schlaflosen Morgenstunden schiebt es sich mit Schreckensszenarien in meine heile Vogel-Strauß-Gedankenwelt, bevor ich es bei Sonnenaufgang unter Aufbietung aller mentalen Kräfte doch noch einmal schaffe, das Gespenst des drohenden Rausschmiss aus dem Elfenbeinturm der Wissenschaften wieder zu bannen.

Die Lösung aller Probleme ist wie in der guten alten Zeit (wann soll die noch gleich gewesen sein?) ein Antrag. Ein erfolgreicher Antrag. Ein angenommener Antrag. Ein Antrag, mit dem ich bewirke, dass eine wissenschaftliche Förderinstitution zusagt, der Bildungseinrichtung, bei der ich arbeite, eben diese meine Arbeit für eine gewissen Zeit zu finanzieren, auf dass sie mich weiter beschäftigen möge, was sie sonst nicht tun wird, was aber nichts mit mir oder meiner Arbeitsleistung zu tun hat sondern mit einem in die falsche Richtung losgehenden Instrument des Arbeitnehmerschutzes. Klingt kompliziert? Ist es auch.

Bevor also etwas besser werden kann, muss es erst noch einmal so richtig schlimm werden. Die Lösung meiner Alpträume ist ein weiterer Alptraum, alle Stellenbewerber kennen das in abgewandelter Form. Denn so ein Antrag will natürlich geschrieben werden (womit wohl ausreichend erklärt wäre, warum ich statt ihn zu schreiben doch lieber darüber blogge). Die Erfolgsquote liegt niedrig – ich liebe es, für den Papierkorb zu schreiben, manchmal schreibe ich einfach so aus Freude 20 Seiten Sachtext, um sie dann mit einem zufriedenen Lächeln wieder zu löschen. Die Bedenkzeit für Annahme oder Ablehnung beträgt sechs bis sieben Monate, vielleicht auch länger – ich liebe Warten, ich bin die Geduld in Person und stelle mich immer mit Absicht in die längste Schlange. Und alle Merkblätter der Förderinstitutionen versichern, eine Ablehnung dürfe man natürlich niemals als persönliche Ablehnung verstehen – darin bin ich super. Ich fliege regelrecht über den Dingen und würde es niemals persönlich nehmen oder überhaupt als Kritik empfinden, wenn ein Projekt, das ich konzipiert habe, für das ich intensiv vorgearbeitet habe, und dessen enthusiastische Beschreibung ich nächtelang in die Tastatur gehämmert habe, mit einem Federstrich beerdigt wird. „Dein Projekt ist uns nicht gut genug“ wird ja wohl kaum bedeuten sollen, dass mein Projekt nicht gut wäre und andere bessere Projektideen haben oder sie besser verkaufen können.

Also hat sich eigentlich nur wenig geändert. War die Frau im fortgeschrittenen Alter in vergangener Zeit oft genug gezwungen, nach bangem Warten voller Demut dann doch den ein oder anderen unliebsamen Antrag mangels Alternativen anzunehmen, ist die studierte Frau im fortschreitenden Alter heute eben gezwungen, nach bangem Warten voller Hoffnung Ablehnung und Demütigung einzustecken und nach Alternativen zu suchen.

Trotzdem  gefällt mir das irgendwie besser.

Vielleicht überdenke ich den letzten Satz später nochmal.

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8 Kommentare

  1. Vater Staat ist, so geht es mir gerade auf, ziemlich paternalistisch. Denn für all die Frauen, die beim Beantragen scheitern, hat er einen Antrag in petto, den man ihm machen kann und bewilligt bekommt. Natürlich auch für Männer. Ob es die Sache besser macht, sei dahin gestellt.

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    • Besser macht es das nicht wirklich. Und das mit dem Bewilligtbekommen ist, habe ich mir sagen lassen, auch so eine Sache. In meinem Antragsfall gibt es für NaturwissenschaftlerINNEN eventuell einen Mädchenbonus. Und da bin ich dann ausnahmsweise mal hemmungslos für die Diskriminierung des anderen Geschlechts. Großzügigkeit muss man sich halt auch leisten können.

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