Verständnislos verstanden – Hochstapeln für Anfänger

„Sie verstehen mich!“, sagt die Dame an der Kasse des kleinen Marktes zu mir. Und gibt mir damit die Gelegenheit, beim Tippen in meinen Erinnerungen zu kramen, wie das denn noch gleich war damals im Deutschunterricht in der Mittelstufe mit der Zeichensetzung bei der wörtlichen Rede. Belassen wir es bei der getroffenen Entscheidung, vielleicht bilde ich mich vor Veröffentlichung dieses Beitrags nochmal diesbezüglich fort, vielleicht lasse ich es aber auch.

In Läden kommt es ja häufiger zu recht skurrilen Dialogen oder auch Nicht-Dialogen, gestern war das mal wieder der Fall. Vor mir findet ein gewöhnlicher Bezahlvorgang statt, und das gibt mir die Gelegenheit zum Studium einen Missverständnisses. Genauer gesagt zweier Missverständnisse. Beim zweiten bin ich beteiligt, aber das erste findet zwischen der Dame hinter der Kasse und dem vor mir in der Schlange eingereihten Kunden statt. Wäre ich vorhin ein wenig schneller gegangen, hätte ich mich noch vor ihm anstellen können, es wäre aber schon unhöflich gewesen. Um Höflichkeit wird es im Folgenden noch einmal gehen. Erst einmal war ich nicht unhöflich, habe mich hinter dem Mann angestellt und darf dafür jetzt betrachten, wie er einen Artikel bezahlt. Beide, Mann und Artikel, sind optisch uninteressant, meine Aufmerksamkeit gehört der zwischenmenschlichen Interaktion.

Der Kunde reicht einen Geldschein, die Kassiererin tippt dessen Wert ein, der Kunde reicht Münzgeld hinterher, um das Wechselgeld gemäß seinen Wünschen zu optimieren. Sie hat aber schon getippt, deswegen muss sie jetzt rechnen, und das kann sie nicht. Zumindest nicht hier und nicht jetzt und nicht diese Rechnung. Er erklärt, was sie an Geld herausgeben soll, sie kommt so schnell nicht mit, sortiert das Kleingeld in ihrer Hand und schaut sehr hilflos drein. Aus der unbeteiligten Position ist alles offensichtlich, ich verstehe, was er will, ich verstehe, was sie nicht versteht, was aber er nicht versteht, und dass er es nicht versteht, und dass sie es nicht versteht und gerade total überfordert ist, wofür es aber eigentlich keinen Grund gibt.

Und eigentlich bin ich dabei ein wenig genervt, dauert mir das ganze doch schon wieder viel zu lang, dafür dass es da im Grunde nix zu rechnen und zu verstehen gibt. Als vor meiner Geburt die Geduld verteilt wurde, war ich gerade anderweitig unterwegs. Es ist Abend, ich habe Hunger, will nach Hause, und ich muss zum Bezahlen länger anstehen als nötig. Das einzige, was mich von einer bissigen Bemerkung abhält, ist, dass es dann noch langsamer würde, weil die Kassierin dann auch noch abgelenkt würde. Und dass mir gerade keine gute bissige Bemerkung einfällt. Tut es nie, und über die schlechten bissigen Bemerkungen, die ich dann viel zu oft trotzdem von mir gebe, ärgere ich mich hinterher nur. Gut wäre eine bissige Bemerkung eigentlich auch nur dann, wenn ich ein bisschen von meinem Genervtsein hineinpacken könnte, ohne das Gegenüber zu kränken. Also so, dass es keiner merkt. Was aber dem Wesen einer bissigen Bemerkung widerspricht.

Irgendwann ist der zähe Vorgang rechnerisch korrekt abgeschlossen, der Kunde zieht von dannen. Die Kassierin schaut mich leidend an und versucht, sich zu erklären. Ich nicke, mir fällt auch keine nichtbissige Bemerkung ein. Zu zahlen habe ich 8,10€. Der Geldautomat hat wieder mal keine kleinen Scheine ausspucken wollen, ich reiche 50,10€ und weise sarkasmusfrei darauf hin, dass sie das dann ja gleich richtig eintippen könne.

Sie strahlt: „Sie verstehen mich!“

Hm ja. Ich befürchte das ist eine Fehlinterpretation. Mein Verständnis hält sich nämlich zumindest in genau diesem Moment eher in Grenzen. Es wäre aber unhöflich und unnötig, das jetzt zu sagen. Vielleicht muss auch nicht jedes Missverständnis ausgeräumt werden, sie darf mich gern für netter halten als ich bin. Außerdem will ich weiterhin in dem Laden einkaufen. Ich lächle und gehe nach Hause.

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7 Kommentare

    • Zumal Tanja die Kassiererin ja tatsächlich verstanden hatte. Dass sie gleichzeitig findet, als Kassiererin sollte man solche Situationen verstehen und die betreffende Rechnung schnell im Kopf machen können, ändert ja nichts daran. Und das nicht dazu gesagt zu haben hat die Welt an dem Abend an der Kasse vermutlich zu einem besseren Ort gemacht. Alternativ hätte sie die Kassiererin vermutlich gekränkt oder eine längere Diskussion an der Backe gehabt, mit absehbaren Folgen für die Stimmung in der nachfolgenden Schlange…

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  1. Island. Reise nach Island. Dort zahlt man selbst Kleinstbeträge bargeldlos. Hat den Vorteil, dass man kein Klimpergeld mehr mit sich herum trägt. Es gibt aber auch einen Nachteil: man überfordert den Kassierer/die Kassiererin, wenn man nicht mit der Plastikkarte bezahlt – und Klimpergeld los werden will. Ähnlich, wie beschrieben. Nach spätestens dem dritten Gang zur Kasse aber bemerkst du, dass mit dir etwas geschehen ist. Etwas Wunderbares. Du reagierst deutlich gelassener. Verstehst du?
    Ach ja: Island? Find ich gut …

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    • Ja, wenn ich gerade auf Island wäre, würde ich vermutlich schon deswegen viel gelassener reagieren, weil ich dann sehr wahrscheinlich im Urlaub wäre. Außerdem versteht man im Ausland manchmal sowieso nicht wo das Problem ist und versucht es auch gar nicht. Ich erinnere mich gerade an eine Episode in Finnland, wo man vor mir an der Kasse ca 15 Minuten über größere Mengen Erdbeeren debattierte, und ich keine Ahnung hatte, worum es auch nur gehen könnte.

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        • Nein, aber ich ärgere mich manchmal tatsächlich sehr darüber. Leider bin ich dazu aber nicht talentiert genug. Ich versuche immer, wenigstens ein bisschen was zu lernen und solange wir uns im mir vertrauten Raum der westeuropäischen Sprachen bewegen, kann ich nach einigen Tagen zumindest Speisekarten halbwegs lesen. Mein Leseverständnis ist in Skandinavien in allen Sprachen auch schon viel besser geworden, aber mündliche Kommunikation klappt extrem schlecht.

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