Das Molchorakel

Das Zeilenende hat ein Stöckchen geworfen und elf tiefgehende Fragen zur Beantwortung ausgerufen. Weil ich gerade etwas Schreibflaute habe, bin ich sehr dankbar für dieses Anschubsen und mache mich getreulich an die Antworten.

1. Wenn du ein Amphibium wärest, welches wärest du warum?

Sicher ein Molch und zwar, weil ich höchstpersönlich die selbst entdeckt habe. Zumindest für mich. Frösche kennt jedes Kind, und wenn Kind nicht ganz auf den Kopf gefallen ist, und die Bilderbücher nicht allzu albern waren, erkennt es einen Frosch in freier Wildbahn, sobald es ihn das erste Mal sieht. Meine Geschichte mit dem Molch beginnt aber damit, dass ich ihn durch einen Tümpel schwimmen sah und in Zeiten, in denen es noch kein Internet gab, mithilfe von Bestimmungsbüchern herausfinden musste: dieses Wesen ist ein Teichmolch. Seitdem gehört ihm meine amphibiale Sympathie.

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https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Triturus_vulgaris.jpg

2. Was spricht gegen Kuchen zum Frühstück?

Alles, was ich gerne esse, mag ich zu jeder Tageszeit, viel wichtiger sind Jahreszeiten und Außentemperatur. Gegen Kuchen zum Frühstück spricht also nichts grundsätzliches außer dass ich die Frage Käsebrot oder Kuchen? fast immer mit Käsebrot beantworte. Käsekuchen war lange mein Lieblingskuchen, ist aber einfach kein Ersatz. Zu keiner Tageszeit.

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3. An welchen Ort deiner Kindheit wünschst du dich manchmal zurück?

Viele wichtige Orte meiner Kindheit sind noch da, sind nur wenig verändert, und ich kann sie aufsuchen. Zum Beispiel den Teich, in dem ich meinen ersten Molch fing. Was der Molch vermutlich nicht guthieß, jedoch nicht artikulieren konnte. Das Zurückwünschen an den Teich meiner Kindheit erscheint mir aber müßig, weil meine damalige Wahrnehmung des Teichs so essentiell für dieses Kindheitsempfinden war. Und die kann es nicht wieder geben. Der Teich war größer, der Teich war aufregender und spannender, als es irgendein Teich heute je sein könnte. Wenn ich mich nach einem Kindheits-Ort zurücksehnte, dann wäre das vielmehr eine Sehnsucht nach einem Zustand als nach einem Ort. Einen Damals-Ort aufsuchen löst aber heute nur sehr selten das Damals-Gefühl aus. Ich halte das für eine unerwünschte Nebenwirkung des Älterwerdens, die ich resignierend zur Kenntnis nehme.

4. Kann man den kairos erkennen und nutzen?

Für die Erklärung von kairos verlinke ich hier rückwärts. Das Zeilenende badet in derartigen Vokabeln gewandt wie der Molch im Teich, während ich in ihnen herumstackse wie ein fußkrankes Teichhuhn. Ja, ich glaube man kann. Ich habe ja schon mal etwas zum Thema Kopfentscheidungen und Bauchentscheidungen geschrieben, und den kairos – warum eigentlich kleingeschrieben? –  erkennen und nutzen ist wohl ungefähr das, was ich mit guten Bauchentscheidungen meine. Im richtigen Moment intuitiv richtig entscheiden, ohne Zweifel. Wenn das passiert, dann war es kairos.

Wie soll etwas notwendigerweise Zufälliges also wichtiger sein als etwas, das man sich erarbeiten kann?

Das, was sich aus dem Zufall ergibt, kann sich später als wichtiger herausstellen, als was man sich hätte erarbeiten können. Man weiß es halt nur vorher nicht so genau.

5. Was treibt dich an?

Am stärksten das eigene Wollen, dessen Quellen oft verborgen bleiben. In anderen Worten, die Antwort auf Frage 10. Manchmal das Mirzueigenmachen des Wollens eines Menschen, den ich mag oder achte. Manchmal auch die Erkenntnis schierer Notwendigkeit.

6. Was hält dich auf?

Natürlich alle anderen, die an irgendwas schuld sind, das mich einschränkt. Nun gut, gelegentlich bin ich es vermutlich auch selbst. Aber wenn ich das so wüsste, dass ich es hier pointiert hinschreiben könnte, dann hielte es mich weniger auf. Vielleicht, dass ich häufig meine, Dinge müssten genau SO gemacht werden. In anderen Worten, die Antwort auf Frage 10.

7. Was möchtest du in diesem Jahr unbedingt noch tun?

Ideen für Weihnachtsgeschenke für die Menschen haben, die von mir ein Weihnachtsgeschenk bekommen sollen. Darüber hinaus einfach die Dinge, die in jedem Jahr zum Jahresende hin so fällig werden. Konkrete Pläne für ein bestimmtes Kalenderjahr habe ich einmal gemacht, das war 2011. Einige Dinge auf dieser Liste sind heute noch offen und werden auch zum Jahresende 2016 nicht umgesetzt werden. Auch nicht 2017. Und das macht auch gar nichts.

8. Was möchtest du nie wieder tun?

Feststellen, dass ich durch eigenes Fehlentscheiden in einem für mich ungeeigneten Biotop in lebensfeindlicher Umgebung gelandet bin und Evolution keinen gangbaren Ausweg darstellt. Quasi Molchsein in der Trockensteppe.

9. Ein kluger Mensch hat einmal gesagt: „Wer nicht über seinen Verhältnissen lebt, hat keine Selbstachtung. Und wenn Oscar Wilde das nicht gesagt hat, ist das ab sofort mein Zitat.“ Was ist dran?

Wie hat er das wohl gemeint? Auch mit Glitzer wird aus dem Molch kein Einhorn. Finanziell über seine Verhältnisse zu leben, finde ich dumm. Ich kann mir meine Verhältnisse allerdings leisten, bzw. meine Vorstellung von materiell verhältnismäßig gutem Leben passt verhältnismäßig gut zu meinem Einkommen, und ich habe also leicht reden. Intellektuell über meine Verhältnisse zu leben ist eine lebenswichtige Herausforderung, der ich mich tagtäglich stelle.

10. Ein anderer kluger Mensch hat einmal gesagt: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders.“ Könntest du anders?

Nein, der Molch kennt seinen Teich. Ich kann nur mich, und jeder Versuch anders zu können würde mich direkt in etwas führen, das ich nie wieder möchte. Noch ist der Kopf dran und der Kragen meist leidlich gebügelt; mich selbst um beide reden oder schreiben liegt im Bereich des Möglichen. Unerlaubtes Plakatieren historisch wertvoller Holztüren gehört bisher aber nicht zu meinem Repertoire. Ob meine Thesen deren historischen Wert steigern würden, bleibt dem Urteil der Nachwelt überlassen. Ob man mir dereinst Zitate unterschieben wird, die ich nie gesprochen haben werde? Wer weiß.

11. Lächelt dein Spiegelbild dich an?

Meistens tut es das. Manchmal guckt es ein wenig kritisch, aber das liegt dann nur an der ungünstigen Beleuchtung.

 


Nun will ich mich auch an die Spielregeln halten und den Ball in Form von elf Fragen weitergeben. Ich nominiere:

 

Meine elf Fragen an Euch:

  1. Durch einen Serverfehler wurden versehentlich alle Deine Blogeinträge gelöscht. Was nun?
  2. Du wachst an einem Sommermorgen im Jahr 2100 auf. Wie verbringst Du den Tag?
  3. Welchen Kuchen backst Du, wenn er 150%ig gelingen muss?
  4. Der Jahresende-Wahnsinn naht: wie lange vor Weihnachten weißt Du, was Du wem schenkst?
  5. Welches Stichwort sollte man Dir nur geben, wenn man Lust hat, eine laaaaange Geschichte zu hören?
  6. Gehst Du mit dem Kopf durch die Wand oder suchst Du lieber geschickt einen Weg außenrum?
  7. Welche „Traumreise“ möchtest Du nie machen?
  8. Was ist die dümmste aller denkbaren Ausreden, mit der man Dir nicht kommen sollte?
  9. Was ist dein bester Trick gegen Einschlafen bei langweiligen Pflichtveranstaltungen?
  10. Von welchem Ort hast Du zuletzt eine Postkarte bekommen – so eine echte aus Pappe mit Briefmarke drauf?
  11. Warum 11?

Beantwortet die Fragen in einem Beitrag auf eurem Blog, verlinkt darin diesen Beitrag hier, und nominiert Eurerseits ein paar kleine Blogs mit noch nicht so vielen Abonnenten für die Beantwortung weiterer elf Fragen, die Ihr Euch ausdenkt.

Ich freue mich auf Eure Antworten. Viel Spass und Gutschreib!

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9 Kommentare

  1. „Intellektuell über meine Verhältnisse zu leben ist eine lebenswichtige Herausforderung, der ich mich tagtäglich stelle.“
    Ich verneige mich vor diesem Satz. Ich verneige mich auch vor deiner Kunst, immer wieder den Bezug zum Molch herzustellen, auf dass niemand glaubt, du seist ein Frosch. So unerschrocken, wie du dich den Gedanken gestellt hast, weiß ich gar nicht, woher deine anfängliche Furcht kam. Denn natürlich kannte ich deinen Beitrag über das Entstehen von Entscheidungen. Und am Ende steht ein sehr geerdeter Mensch vor uns, der Zimtschnecken(?) dabei hat und nicht weiß, womit er sich aufhält. Mit überflüssigen Plänen jedenfalls nicht. Was ich bewundere.
    Auch wenn ich an die Metamorphose vom Molch zum Einhorn glaube, gefällt mir dein Verständnis von kairos auch … Ihn sich im Rückblick gemacht zu haben ist eine schöne Vorstellung, die dem eigenen Entscheidungswillen schmeichelt. Ist vielleicht auch so eine Rückkehr an einen Damals-Ort.
    Vielen Dank. 🙂

    Oh und: kairos klein, weil griechisches Wort und kein deutsches Fremdwort, das ich deshalb eigentlich auf Altgriechisch schreiben müsste. Oder kursiv. Jedenfalls klein. *g*

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    • So viele Blumen, ich weiß gar nicht, wo ich zuerst rot werden soll.

      Für Fragen der Kursivschreibung bin ich sehr zu haben. Es soll Menschen geben, die ein Klagelied davon singen können, dass ich gerne mal über diesen speziellen Aspekt des Formelsatzes schwadroniere. Über Formelsatz generell. Mit griechischen Buchstaben wird das gleich noch schöner (\usepackage{upgreek}). Wäre ich nicht so versessen darauf, Texte zu schreiben, wäre in einem anderen Leben das Setzen von Texten eine denkbare Alternative gewesen.

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      • Ich bin da immer zwiegespalten. In populären Texten tue ich es tendentiell nicht, weil es als Hervorhebung missverstanden wird, was es aber nicht meint. In Fachtexten finde ich es angemessen, auch wenn ich persönlich die altgriechischen Buchstaben vorziehe. Nur kann die bei weitem nicht mehr jeder lesen. Deshalb habe ich den Kompromiss mit mir geschlossen, es dann doch zu transkribieren. Aber ich schweife ab … Ich liebe deinen Satz immer noch. Und den Satz deines Textes auch. 🙂

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          • Jain … Die Sache ist komplex. Und ich kann es dir wahrscheinlich auch nicht erschöpfend beantworten. Was ich gelernt habe:
            1) Prinzipiell sind sie deckungsgleich
            2) ein paar Zeichen weichen voneinander ab, bzw. sind erst später hinzu gekommen
            3) die Aussprache des Alt- vom Neugriechischen unterscheidet sich sehr stark voneinander
            4) das Neugriechische kennt neben einer „Druck-“ auch eine Schreibschrift, während das handgeschriebene Altgriechisch nur eine kursive Druckschrift war
            5) Kleinbuchstaben gab es im „klassischen“ Griechisch nicht. Die sind erst im Mittelalter entstanden, Aristoteles wird also – die Original-Originale gibt es nicht mehr, in Großbuchstaben geschrieben haben. Bei späterer Tradierung durch die Klöster ist es dann irgendwann aber Brauch geworden, die altgriechischen Texte in Kleinbuchstaben zu schreiben. Das gilt für die Philosophen ebenso wie für das Neue Testament.

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          • Danke 🙂 Da ich griechisch nur gerade so ausreichend lesen und weder alt noch neu sprechen kann, nehme ich für mich mal mit, dass ich die Buchstaben, die ich kenne, getrost einfach weiter als griechsich bezeichnen darf, dass aber die Kleinbuchstaben eher neumodisch sind.

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        • Gibt es alt- und neugriechische Buchstaben? Und welches ist die Sorte, die man in der Schule gelernt hat? Und es gibt doch auch griechische Großbuchstaben. Sind die so neumodsich, dass Aristoteles Zeitgenossen sie noch nicht kannten?

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