Septemberschnee (Alpen [2])

Hier geht es zum ersten Teil und zur Einleitung.

Bereits seit zwei Tagen geht immer wieder das Gerücht um, das Wetter solle umschlagen. Und heute Nacht war es soweit. Draußen liegt Schnee. In Köln würden die Nachrichten Wintereinbruch und Schneechaos titeln. Zum Glück sind wir nicht in Köln, wir sind auf der Braunschweiger Hütte auf  2759 m Höhe und ein paar Zentimeter Schnee sind hier im September kein Grund zur Aufregung. Außerdem haben fast alle gestern Abend ihre Wäsche reingeholt, kein Grund zur Klage also.

Auch diese Hütte war gut belegt, wieder tummeln sich alle gleichzeitig im Schuhraum und vor dem Eingang. Von der landschaftlich reizvolleren aber anspruchsvolleren Wegvariante wird bei Regen oder Schnee abgeraten, so dass der Lindwurm quietschbunter Rucksackhüllen im Gänsemarsch Richtung Rettenbachjoch kriecht.

Dort stehen sie dann etwas ratlos im Nebel, Bärte, Haare und Kapuzenränder sind vereist, Brillen beschlagen, Hände kalt und steif. Es gibt eine Gondel, die nicht fährt. Es gibt eine Gondel, die fährt. Wohin? Wohin alle wollen. Die Alternative ist der Weg unter der Gondel, im Nebel von Mast zu Mast, wenig ansprechend. Alles gondelt erstmal und steht flugs ein paar Höhenmeter tiefer im dort etwas weniger dichten Nebel.

Viele wollen jetzt sowieso nur noch mit dem Bus runter nach Sölden, einige wollen ganz abbrechen. Wir wollen zwar in die andere Richtung, aber da geht es durch einen Straßen-Tunnel, für Fußgänger ist die Durchquerung nicht erlaubt. Ein Sammeltaxi schafft Abhilfe, der Fahrer setzt uns gemeinsam mit fünf anderen Wanderern am Einstieg zum Venter Panoramaweg aus.

Die folgenden Stunden genießen wir den Panoramablick ins Innere einer geschlossenenen Wolkenmasse. Milliarden Wolkentröpfen winken uns stürmisch jubelnd zu und feuern uns an. Einige davon entpuppen sich bei genauerem Hinsehen als Schafe, deren Hufspuren und weitere Hinterlassenschaften den matschigen Pfad zieren.

Der Ort Vent kommt in Sicht, tief unter uns. Die Muskeln zittern schon beim Gedanken an den Abstieg. Aber es lockt die Aussicht auf eine Gaststube, Wärme, heiße Schokolade und ein Mittagessen. Dem folgt unverzüglich das Suppenkoma. Wir können uns nicht mehr dazu durchringen, heute noch einen Aufstieg in Angriff zu nehmen und übernachten hier und genießen die Entspannung in der Sauna, was den geplagten Muskeln sehr, sehr gut tut.

Derartig erholt geht es am nächsten Tag zur Martin-Busch-Hütte als Pausenstopp und zur Übernachtung in der Similaunhütte, die schon in Italien liegt. Es ist der gemäßigste Anstieg der ganzen Wanderung. Kurz vor der Hütte kommen wir unterhalb der Fundstelle von Gletschermann Ötzi vorbei. Laut Etappenbeschreibung soll der Weg hier auch ein Stück Gletscher überqueren. Gletscher? Hier nicht mehr.

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Nachts schneit es wieder. Am Morgen machen wir frische Spuren, während weit unten im Tal der Stausee von Vernagt leuchtend blau zwischen grünen Hängen blinkt. Wir stapfen bergab, immer weiter, immer weiter. Es wird grün um uns, Schicht für Schicht verschwinden Handschuhe und Jacken im Rucksack. Zwischen Kühen bezwingen wir die letzten Höhenmeter. Der erste Hof oberhalb Vernagt lockt mit Capucchino, und der  Schokokirschkuchen ist gerade frisch gebacken und noch ein bisschen warm.

Und dann geht’s ganz schnell, schwupps sind wir in Vernagt, Bus und Zug bringen uns ins sonnige Meran zu Palmen und Zypressen, wo wir noch eine Nacht verbringen, bevor es wieder heimwärts geht.

Das war er, der E5. Wir sind ihn in der Standardausführung in sechs Tagen gegangen, puristischer ohne Seilbahn und Bus geht es natürlich auch, dann muss man sich eben mehr Zeit nehmen und darf auf einigen Etappen sicher etwas mehr Ruhe genießen. Die Wanderung ist nicht unbedingt was für Menschen, die am liebsten friedlich vor sich hinwandern und sich selbst genug sind. Also streng genommen auch nichts für mich, von Zeit zu Zeit verkrafte ich das aber. Das Hüttenklima muss man mögen, aber wer behauptet, gerne und gut in Bettenlagern zu schlafen, der lügt.

Da fast alle auf der Strecke mehr oder weniger dasselbe Ziel haben, trifft man sich immer wieder, was bei den meisten Zeitgenossen durchaus erfreulich ist. Wir hätten ohne den Austausch mit anderen Wanderern sicher erst unangenehm spät von einer Hüttenschließung gewusst, die uns zwang, die ursprünglich geplanten Etappen etwas abzuändern.

Und wäre ich belletristisch veranlagt, die Begegnungen dieser paar Tage böten gut Stoff für einen Roman. Über das bärtige Großmaul und die Gewaltphantasien seiner stillen Begleiterin, ich bin ganz sicher sie hat welche. Über die etwas chaotische Maggie mit dem viel zu großen Rucksack ihrer Tochter, über die drei verschwundenen Nordlichter, die drei frisch gebackenen Psychologen und vom Hüttenhund, nicht Hütehund, der Braunschweiger Hütte, der aussieht wie der Hund der Spargelfrau.

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