Septembersonne (Alpen [1])

Was, wieso, weshalb, weswegen? Das steht in der Einleitung.

Hannibal setzt die Elefanten in Marsch. Sechs Wandertage sollten es werden. Der erste fand uns morgens optimistisch und motiviert an der Spielmannsau hinter Oberstdorf, der sichtbare Teil des Weges führt fast eben weiter hinter ins Tal. Der sichtbare Teil des Weges ist jedoch nur ein sehr kleiner Bruchteil des heute zu gehenden Weges. Bald steigen wir wohlgemut bergan und freuen uns des blauen Himmels. Noch bälder stapfen wir schwitzen bergauf und freuen uns über gelegentlichen Schatten. Wir keuchen weiter bergauf und verfluchen die Hitze. Ich bereue jeden nicht mit dem Fahrrad gefahrenen Meter und jedes seit letztem Jahr auf den Rippen hängengebliebene Gramm. Und nach dem Hoch kommt kurz nach der Kemptener Hütte, die zur Pause lockt, kurz nach dem Überqueren der Grenze zu Österreich das Runter. Und noch mehr Runter. Und noch mehr. Abends die Ankunft im Lechtal mit zitternden Oberschenkeln.

Auch der zweite Tag wartet mit blauem Himmel und viel Sonnenschein auf. Ein Teilstück, im Lechtal, das viele Wanderer mit dem Taxi fahren, gehen wir zu Fuß und werden mit einem nur mäßigen Aufstieg belohnt. Leider staubt es ziemlich, wenn so ein Kleinbustaxi voller Wanderer vorbeirollt. Der fahrbare Weg endet an der Materialseilbahn der Memminger Hütte, jetzt wird es steil. Es werden noch Rucksäcke gesucht, die Materialseilbahn wird erst ab einer Mindestzahl bewegt. Aber den Rucksack auf den Berg schweben lassen? Weicheier!

Nach kurzer Pause queren wir den überbrückten Bach und steigen. Auf dem Rücken die Rucksäcke, die ohne die eben verzehrten belegten Brote schließlich schon viel leichter sind. Nach fünf Minuten steigt Reue in uns auf, schneller noch, als wir den Berg ersteigen. Der Rucksack wird mit jedem Meter schwerer, obwohl doch die Erdanziehung abnimmt. Wenn ich nicht so fertig wäre, könnte ich das zur Ablenkung ausrechnen. Wir sehnen uns nach Schatten. Nach wievielen Schritten darf ich eine Pause machen? Reicht der Inhalt der Trinkflasche? Es ist einfach nur heiß und steil. Ganz schön schlau, die mit dem Rucksack in der Materialseilbahn. Hätten wir auch machen sollen.

Oben.

Auch der Himmel des dritten Wandermorgens begrüßt uns mit freundlichem Blau, es ist allerdings empfindlich zugig. Man will aber doch schließlich alle Kleidung, die man schleppt, auch mal angehabt haben müssen, sonst hätte man ja falsch gepackt.

Wer einsam wandernd seinen Gedanken nachhängen möchte, hat heute ganz besonders Pech gehabt. Die Hütte war voll, alle brechen gleichzeitig auf, und im Gänsemarsch geht es Richtung Seescharte, dem Ausgang aus dem Bergkessel, in dem die Hütte thront. Drüben rutscht die Kolonne talwärts und entzerrt sich. Das Ziel ist Zams im Inntal rund 1800m tiefer gelegen. 1800m am Stück bergab, und als ich meine Knie nicht mehr spüre und wir endlich unten sind, nachdem ich die letzte Stunde schon permanent von Milchkaffee halluzinierte, haben die Cafés Mittagspause.

Eins nicht. Ich verzeihe großmütig, dass die Nussgipfel aus sind.

Der Rest des Nachmittags ist bequem, mit der Seilbahn geht es auf den Krahberg zur Venet Gipfelhütte, eigentlich mehr ein Hotel als eine Hütte, dort folgt das übliche Programm beim Erreichen einer komfortablen Unterkunft: Wohliges Seufzen beim Probeliegen des Betts, Schaumschlagen im Waschbecken zur Sockenreinigung und ewig langes Warmduschen.

Zur Abwechslung bietet uns am nächsten Tag der Panoramaweg, entlang dessen wir den Gipfel des Venetbergs umgehen, einen moderaten Start bevor es dann wieder tüchtig talabwärts geht. Aber auch heute darf gemogelt werden, unten, in Wenns im Pitztal, gibt es eine Bushaltestelle, die das Mittagziel darstellt. Dort sammelt sich ein beachtlicher Trupp Wanderer, den der Bus eine beträchtliche Strecke weiter oben im Tal am Gletscherblick in Mittelberg ausspuckt, woraufhin der Busfahrer erstmal die Krümel aus dem Bus fegt.

Vorhang auf für das Drama des Nachmittags: der Aufstieg zur Braunschweiger Hütte. 1. Akt: von der Bushaltestelle bis zur Materialseilbahn. Auch wir sind durch Reue klüger geworden und packen um. Ein leichterer Rucksack mit Proviant und Regenkleidung für den Aufstieg, ein schwererer Rucksack mit allem anderen für den Transport. 2. Akt: erfürchtiges Betrachten der Vorher-Nachher-Photos der heute weit oben liegenden Zunge des Pitztaler Gletschers und des Wasserfalls. 3. Akt: langer langsamer Aufstieg. 4. Akt. Langsamerer Aufstieg. Werden wir es schaffen? Die letzte halbe Stunde hängt in einer Zeitschleife und hört nicht auf. 5.Akt: erleichtertes Stolpern über die Kante der Hüttenterrasse.

Die Überschrift legt es nahe, wir sind nicht an der Hütte gestrandet, sondern es gibt einen zweiten Teil als dessen krönenden Abschluss wir die Grenze zu Italien überschreiten und siegreich nicht den Rubicon erreichen.

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5 Kommentare

  1. war meine gestrige Erwartungshaltung doch nicht so ganz verkehrt 😉
    Liest sich gut, macht Appetit auf Fortsetzung(en) und zeigt mir – mein Entschluss, die Alpen letztes Jahr per Rad zu erklimmen, war nicht grundverkehrt, wenngleich ihr deutlich mehr Glück hattet mit dem Wetter. Wolken verhangene Gipfel sind ähnlich aufregend wie Segeln ohne Wind.
    Sofern ihr noch Anregungen für 2017 sucht – Seealpen/Colle di Tenda sind auch nicht schlecht, Camino-del-Cid ebenso nicht zu verachten und Island noch viel besser …

    Gefällt 1 Person

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