Was für ein Turm!

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Ich habe schon lange ein Faible für alte Steine, die sich als gotische Kirche verkleidet haben. Der ein oder andere wird eine Vermutung hegen, auf welches seitenstarke Belletristikwerk das zurückgehen mag. Die Story finde ich heute ein wenig kitschig, aber angesichts üppiger Fialen, gotischen Maßwerks und phantasievoller Wasserspeier geht mir immer noch das Herz auf. Und wenn dann noch ein Turm zu besteigen ist, gar mit der Chance auf spektakuläre Aussicht, dann ist es vollends um mich geschehen.

Das Münster in Ulm ist so ein all-inclusive Paket. Eine Kirche wie aus dem Bilderbuch,  stilsicher zu Ende gebaut, groß, mehrschiffig, schöne bunte Fenster, herrliche Decke und als Krönung des Ganzen der konkurrenzlos hohe Turm mit dem Versprechen des Alpenblicks. Um es vorwegzunehmen, dieses letzte i-Tüpfelchen der Sicht auf verschneite Gipfel, das habe ich nicht bekommen, das wäre aber auch zu viel des Glücks gewesen. Der Turm allein schon ist steingewordene Endorphine.

Bleiben wir erst einmal unten, ein Bummel durch die zauberhafte Altstadt Ulms liegt hinter uns, spazieren an der Donau und zwischen romantischem Fachwerk, und bei fast jedem Blick Richtung Stadt lugt irgendwo der Münstertum hindurch.

Derart vorbereitet betreten wir den Münsterplatz. Schon allein das ist bemerkenswert, dass man das Münster so wunderbar umrunden kann und in Ruhe von allen Seiten betrachten. Ist da tatsächlich ein Elefant? Der würde auch gut nach Freiburg passen.

Drinnen herrscht leicht schummriges Kirchen-Halbdunkel, wachsen Säulenbündel und malt die Sonne durchs farbige Glas.

Kurz reisst uns der Ticketautomat aus dem Mittelalter wieder in die Neuzeit. Knöpfchen drücken, mit einem Geldschein füttern, Drehkreuz. Und wusch wieder ein paar Jahrhunderte zurück (auch wenn nicht alles hier so alt ist, wie es wirkt und wären da nicht die vielen zeitgenössischen Namens- und Datumsschmierereien an der Wand). Die klugen Baumeister haben ein Treppensystem ersonnen, das dem Besucher den Aufstieg ohne Gegenverkehr erlaubt. Der Turm gehört gerade ganz mir, niemand sonst ist auf der Treppe, niemand stört. Dann störe wohl auch ich niemanden. Ein Blick in den Dachstuhl, ein Blick in die Türmerstube, ein Blick in den Glockenstuhl, ein Blick auf das Dach. Und immer wieder steinerne Details, von unten nicht zu sehen und trotzdem so sorgfältig gemeißelt.

Nach vielen, vielen Stufen ist die erste Rundumaussicht möglich. Man sieht, auch Ulm hat nicht-putziges Nicht-Fachwerk und man sieht, dass man die Alpen eben nicht immer sieht. Macht auch nichts, ich bin einfach hingefahren und habe die Berge aus nächster Nähe betrachtet – andere Geschichte, Fortsetzung folgt.

Aber noch sind wir in Ulm, und ich stehe auf dem Münsterturm und bestaune Steine. Über mir ragt die Turmspitze empor, ich liege auf einer Sandsteinplatte und staune himmelwärts durch steinerne Perfektion ins Blau. Da ist noch mehr Turm zu haben, also hoch den Hintern und die letzten Stufen erklommen. Und jetzt ist wirklich Ende der Fahnenstange, höher geht es in weitem, weitem Umkreis nicht. Und schöner schon gar nicht.

Es ist schon sehr lange her, das Bayernticket war frisch erfunden, die freie Fahrt bis Neuulm damit preiswert zu haben, da stand ich eines meterologisch weniger schönen Nachmittags schon einmal unten auf dem Platz vor dem Ulmer Münster. Wegen des starken Winds war die Besteigung nicht erlaubt. Hätte ich damals gewusst, was mir entgeht, hätte ich ganz sicher nicht zwei Jahrzehnte gewartet, sondern hätte bis zur Wiederöffnung der Treppe mit dem Schlafsack im Beichtstuhl campiert.

Bisher ist noch kein Leser über dieses Detail gestolpert, aber da das Münster seit dem 16. Jahrhundert eine evangelische Kirche ist, ist es wahrscheinlich, dass es dort keine Beichtstühle (mehr) gibt. Vielleicht aber doch, weil es natürlich anfangs eine katholische Kirche war. Bewusst gesehen habe ich keine, sie würden mir aber auch nicht auffallen, meine selektive Wahrnehmung kann sehr erfolgreich verdrängen. Sollte jemand mehr wissen, dann bitte einen kurzen Kommentar schreiben.

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11 Kommentare

  1. Tolle Bilder und ein schöner Bericht.
    Wir wohnen nicht weit von Ulm und sind recht oft da. Aber ich gebe zu: ich habe so ein bisschen den Blick dafür verloren. Nächstes Mal werde ich ganz sicher nach dem Elefanten suchen 😉

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  2. Hihi, du musstest also auch unbedingt die Decke knipsen. Mir ging es genau so im Sommer. Ansonsten: Ich finde das Münster ja wunderschön, weil es so trutzig ist. Aber ich hasse es, weil meine 18mm Brennweite nicht reichen, es in all seiner Majestät einzufangen. Danke für die schönen Bildrr. 🙂

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    • Ich finde den Elefanten auch sehr gut getroffen. Aber Teile des Münster sind eben auch aus dem 19. Jh, vielleicht auch der? Basel kenne ich leider gar nicht. So oft umgestiegen, aber nie die Zeit genommen um auch nur den Bahnhofsvorplatz zu überqueren. Gut sind auch die Wasserspeier in Freiburg.

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