Herbstliches Backen

Ein Morgen Mitte August. Wann ist eigentlich die Mitte eines Monats? Nur am Mediantag oder so ein bisschen davor und danach auch noch? Ich tendiere zur zweiten Variante, sonst könnte ich ja auch sagen, es sei der 16. August und der ist nicht. Also Mitte August. Draußen Nebel und Regen bei ca 15 Grad. Drinnen schafft das Thermometer gerade so eine 20. Neben dem Stövchen.

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Perfektes Wetter also, um Tante Tex’s mit Rumrosinen und kandiertem Zitrus daherkommendes Rezept zu interpretieren. Der Gedanke, dies ausgerechnet heute zu tun, kam mir gestern Abend, als ich im Kühlschrank ein ca. ein Kubikzentimeter großes vertrocknetes, bräunliches Würfelchen fand. Ein historischer Rest ehemaliger Frischhefe.

Der mit dem größeren Teil des Hefewürfels entstandene Kuchenversuch scheiterte aus zwei Gründen. Erstens am Rezept, das eine Kuchenfüllung vorgab, die weniger verheißungsvoll schmeckte als das, was meine Geschmacksknospen mir beim Lesen vorgegaukelt hatten. Zweitens am Backofen, der laut dem zweiten Rezept, das den Kuchenteig inspirierte, im Modus Ober-Unterhitze betrieben werden sollte. Unser Backofen kann das nicht. Technisch kann er schon, praktisch ist der Einsatz dieser Betriebsart eine hervorragende Methode zur Produktion von Holzkohle, die ich demnächst patentieren lassen werde. Wir haben einen Gasgrill und brauchen deswegen aber keine Holzkohle.

Weil ich beim ersten Test des Rezepts überlesen hatte, dass da ausdrücklich Ober-Unter-Hitze stand, hat es mit Umluft hervorragend funktioniert. Beim zweiten Mal wollte ich alles ganz ordentlich machen, woraufhin es der Ofen versaute. Aufgrund dieses und späterer Ereignisse haben Ofen und ich derzeit eine anhaltende Beziehungskrise. Er bekommt heute jedoch die Chance zur Wiedergutmachung. Ich erwarte perfekte Rumrosinenbrioches und einen großen Blumenstrauß sowie eine gereimte Entschuldigung von ihm.

Das kleine vertrocknete Hefewürfelchen liegt vor mir. Ob die noch funktioniert? Die Trockenhefe wurde bereits vor längerem erfunden, und auch ich bin regelmäßiger Käufer derselben. Warum also nicht. Um nicht einen kompletten nichtaufgegangenen Kuchenteig wegwerfen zu müssen, starte ich ein Vorexperiment. Ein Löffel Zucker, ein Löffel Mehl, ein Schluck warmes Wasser und das in noch kleinere Bröckchen gebröckelte Hefebröckchen. Zudecken.

Hefeteig kann man ja so schön nebenbei machen und ihm ausgiebige Ruhephasen gönnen, während man sich zeitaufwendigeren Tätigkeiten widmet. Ich gehe an den Schreibtisch, die Hefe bleibt wo sie ist, jeder tue seine Arbeit.

Nachdem ich zwei Seiten gehaltvollen Text produziert habe, gehe ich erstmals nachschauen. Auch die Hefe war produktiv und schäumt gehaltvoll vor sich hin. CO2-Schwaden wabern durch die Küche. Ich atme noch ein paar Moleküle dazu und werfe einen Blick in Tante TeX’s Rezept. Jetzt kommt eine meiner schlechteren Eigenschaften zum Vorschein. Ich bin nicht in der Lage, mich an ein Rezept zu halten. Nun handelt es sich hier zwar um ein Familienrezept, und wäre es von meiner Oma, würde ich mich hüten, auch nur ein Iota davon abzuweichen.

Aber es stammt nicht aus meiner Familie und damit ist es für mich Freiwild. Hefeteig nur mit Eigelb. Warum? Was passiert, wenn ich das Eiklar dazu gebe? Ich zwinge mich. Ich experimentiere mit halbtoter Hefe und zu viele Parameter gleichzeitig zu ändern ist unwissenschaftlich. Aber trotzdem. Was würde am Teig schlechter mit Eiklar? Es gibt schließlich auch Hefeteigrezepte mit. Ich konsultiere zwecks Einholung einer Zweitmeinung ein noch ungetestetes Briocherezept: zwei Eier plus zwei Eigelb. Na gut. Ich bleibe hart. Nur die Eigelbe.

Milch. Wegen 50ml eine Packung öffnen? Gäbe es Milch im 200-ml-Becher, ich würde sie kaufen, meinetwegen für 75% des heutigen Preises eine Literpackung. Mehr Geld für weniger Milch. Die aktuelle Milchseekrise wäre dann vermutlich gelöst, aber der Verpackungsmüllberg stiege ins Unermessliche.

Wie fast immer in dieser Situation greife ich zu Wasser. Diese Variation ist erprobt, Zucker und Fett sind ja sowieso im Teig. Butter. Mehl. Ich nehme die Mehlschütte aus der Schublade. Daneben liegt ein Tütchen mit einem Rest gemahlener Haselnüsse. Von wann sind die? Ich kann nicht widerstehen. Ab in den Teig damit, bevor sie mir noch ranzig werden. Dafür weniger Mehl.

Rosinen. Die Selbstüberlistung greift, die Forderung nach Rosinen, die hier unentbehrlich sind, zwingt mich vor die Tür. Also erst nochmal was arbeiten und dann die Mittagspause zum Trockentraubenkauf nutzen. So ein neblig-nieseliger Herbstspaziergang Mitte August regt doch die Schaffenskraft an.

Als ich zurückkomme, tönt aus der Küche leises Jammern. Die Hefe klagt über die arktischen Temperaturen. Ich überlege kurz, die Daunenjacke hervorzuholen, stelle die nach Haselnüssen und Hefe duftende Teigschüssel dann aber doch lieber in den leicht angewärmten Backofen. Die gerade erworbenen Sultaninen sehen währenddessen erwartungsvoll dem Rumbad entgegen und flirten hemmungslos mit dem Korkenzieher, auf dass er die Flasche öffne.

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Ich verziehe mich wieder Richtung Schreibtisch und lasse den Dingen ihren Lauf. Irgendwann haben sie genug gebadet, die Schüssel ist voll luftigem Teig, und es geht ans nochmalige Kneten, ausrollen, verheiraten von Rosinen, Zitronat und Teig, Kugeln rollen und ab ins Förmchen damit. 6 Teiggebilde, die mal Brioches werde wollen, harren ihrer Vollendung.

Der vom Tagwerk heimkehrende leitende Ingenieur lobt den Duft, der den Flur durchschwebt. Jetzt heisst es noch geduldig sein und ein wenig warten, bis man sie ohne sich die Pfoten zu verbrennen probieren kann.

Hm, lecker. Dem Herrn Ingenieur nicht süß genug. Für mich genau richtig, aber mit etwas zu viel Rum, und zwei Minuten zu kurz gebacken. Aber für den ersten Versuch schon sehr gut.

Ich verzeihe dem Backofen.

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17 Kommentare

  1. Super Variation, die ich vermutlich so ausprobieren werde. Mir war Ich unklar, was ich mit dem Eiklar anstellen sollte. Vielleicht Sahne schlagen? Mit ran ans Rührei? Käthe wird mir vermutlich verzeihen, deine Brioches glücklich abzunicken. 😉
    Ich hoffe, du hast dich mit deinem Backofen wieder versöhnt.

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    • Backofen und ich haben jetzt einen noch etwas gespannten Friedenschluss.

      Übriges Eiklar in Rührei oder Tortilla geht gut, wenn es nicht zu viele sind. In Brühe oder Nudelsuppe schlagen mache ich manchmal auch. Und ich friere die Eiweiße auch manchmal ein, weil man die ja vielleicht mal gut brauchen kann, vergesse sie dann im Tiefkühlfach und werfe sie ein Jahr später oder so dann doch weg.

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  2. Mhm … Mhm … Mhm … Ich rieche Hefe. Trockene, bröselige … Achne, die habe ich ja weggeworfen. Ich lebe derzeit in einem hefefreien Haushalt. Weird. Und ich bin ein wenig neidisch. Magst du nicht mit ein paar Hefemuffins bei mir vorbeikommen? ^^

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