An welchem Baum reifen die Entscheidungen?

Es ist mal wieder Zeit für etwas Nachdenkliches, stehe ich doch im Ruf des Kopfmenschentums, da gehört sich das ab und zu. Die meisten Menschen haben zum Nachdenken einen Kopf und verwenden für diesen Vorgang das darin sicher und stoßfest gelagerte Gehirn. Dabei ist das Vorhandsein eines Kopfes für das Menschsein zwingend. Man frage doch mal einen Kopflosen, wie es sich ohne so lebt. Mit etwas Glück wird man vielleicht noch heilig gesprochen, mehr ist dann aber nicht mehr drin.Der Kopf muss also sein für’s menschliche Leben, ist aber wohl doch nicht alles. Notwendig aber nicht hinreichend. Auch Wellensittiche haben Köpfe, jeder genau einen. Trotzdem klingt Kopfmensch nach Spaßbremse. Irgendwie nach Vernunft, bäh, wie langweilig.

Das Wort irgendwie ist ja eins der irgendwie viel zu häufig verwendeten der deutschen Sprache, und es ist oft eigentlich irgendwie überflüssig. Würde man sich die Mühe machen, könnte man dieses irgend vermutlich schon genauer benennen. Die Verwendung des Worts irgendwie zeugt gemeinsam mit der Verwendung anderer Füllwörter von einer gewissen denkerischen und sprachlichen Faulheit und Schlamperei.

Komplett füllwortfreie Texte werden dagegen rasch ein wenig farblos. Aber darüber wollte ich gar nicht schreiben. Schreiben wollte ich über diese Kopfsache und das Bauchhirn. Vor mittlerweile nicht mehr wenigen Jahren las ich in einem Buch etwas über den Prozess der Entscheidungsfindung. Ich glaube, es war bei A. W. Watts, er möge mir verzeihen, falls es das nicht war. Er möge mir auch verzeihen, falls ich ihn gründlich missverstanden habe. Missverstandenwerden ist Berufsrisiko eines jeden, der geschriebenen Text veröffentlicht. Meins auch.

Meine heutige Interpretation des dort Gelesenen geht so: für eine Entscheidung benötigen wir Grundlagen, und je wichtiger uns eine Entscheidung vorkommt, umso mehr Fakten hätten wir gern zu ihrer Untermauerung. Es gibt für jede Entscheidungsmöglichkeit Fakten, die für sie sprechen. Meistens sprechen sie dann gegen eine andere Möglichkeit. In der Vernunftwelt sammeln wir alle Fakten, wägen sie gegeneinander ab und voilà, da ist sie, die wohlbegründete Entscheidung, hinter der wir nun felsenfest stehen. Oder wenigstens so lange, bis wir merken, dass es das falsche Pferd war, welches wir sattelten. Aber manchmal selbst dann noch, wir sind ja standhaft und prinzipientreu.

Woher wissen wir aber denn, welche Fakten wichtig sind, und ob wir genügend Argumente für und wider abgewogen haben? Im Kleinen und Banalen sieht das so aus, dass ich zum Beispiel in ein Elektronikgeschäft marschiere und etwas kaufen möchte, das bestimmte Kriterien erfüllt, die ich für mich als wesentlich definiert habe. Um dann, nachdem ich den Artikel ein paar Monate lang benutzt habe, festzustellen, dass das Kriterium, das ganz oben auf der Liste stand, völlig irrelevant war.

So geschehen, als ich vor einem längeren Japan-Aufenthalt meinte, dass ein Quadband-Mobiltelefon eine sinnvolle Anschaffung wäre. Meine Liste mit Kriterien war sehr hilfreich, weil sie den unübersichtlichen Markt auf ein Gerät reduzierte, mit dem ich dann auch über eine längere Zeit sehr zufrieden war. Abgesehen davon, dass die Benutzung des Telefons in Japan sowieso nicht geplant war, weil sie mich in den finaniellen Ruin gestürzt hätte, hatte ich aber Glück, dass UMTS ein weiteres Kriterium auf meiner Liste war, Japan ist uns da technisch nämlich etwas vorausgeritten.

Meine Liste war also lang genug. Aber ich hätte vielleicht doch besser jedes der Kriterien nochmal daraufhin überprüft, ob es auch sachlich fundiert ist. Dann hätte ich bestimmt herausgefunden, dass es in Japan kein GSM-Netz mehr gibt, und es deswegen völlig schnurz ist, welche GSM-Frequenzen mein Telefon versteht.

Damit bin ich bei der Frage, wieviele Kriterien ich für eine fundierte Entscheidung brauche, und woher ich weiß, dass es die richtigen sind. Wann also bin ich sicher, dass meine Faktensammlung quantitativ und qualitativ ausreicht? Damit wird die Entscheidung über eine Sache zu einer Entscheidung über den Zeitpunkt, zu dem ich meine genug zu wissen, um die Sache entscheiden zu können.

entscheidungGeht’s nicht einfacher? Ja, abwarten geht auch oft. Im Zweifelsfall hat sich die Entscheidung später von selbst erledigt, und wir haben durch Abwarten entschieden, dass wir uns vor der Entscheidung drücken wollen und wir werden dann entschieden. Einfach vom Lauf der Zeit. Oder von einem anderenMenschen, der es satt hat, darauf zu warten, dass wir zu Potte kommen.

Weil also der in seiner Endlosschleife kreisende Kopf eine Entscheidung gar nicht treffen kann, tut es in Wirklichkeit der Bauch. Der Kopf legt sich hinterher die Argumente zurecht, warum diese Entscheidung sinnvoll, klug und rational ist, und es nur gute Gründe dafür gibt, und die Gegenargumente nicht zählen. Dadurch gibt es manchmal Momente in den etwas schon entschieden ist, man aber noch an der Begründung zur Selbsttäuschung feilen muss.

Manchmal mag ich diese Theorie sehr.

Eltern können sich das bestimmt gut vorstellen:

– Ich will die rosa Schuhe!

– Die müssen aber doch auch passen.

– Die Rosanen passen am besten.

– Bist Du sicher?

– Ja! Die passen am besten, weil sie rosa sind.

Wenn Erwachsene einkaufen, ist das oft auch so, wir haben nur die Lektion gelernt, dass „ich will das Gelbe, weil es gelb ist“ als alleinige Begründung selten akzeptiert wird, und legen uns entsprechend vernünftige Gründe zurecht, die wir uns schön reden. Gelb darf das letzte Kriterium sein, wenn das Rote, das Gelbe, das Blaue gleichwertig sind. Weil wir aber tatsächlich doch nach unbewussten Kriterien kaufen, gibt es Berufe wie Autotürschließgeräuschdesigner und Keksreinbeißgeräuschgestalter. Und die meisten Werbetexter wären arbeitslose Sozialfälle, würden wir tatsächlich nach rationalen Kriterien einkaufen.

Im Großen funktioniert es ebenso. Woher weiß ich auf der Suche nach einer neuen Wohnung, dass diese jetzt DIE Wohnung ist? Warum nicht die, die ich morgen noch anschauen könnte, oder die, die erst kommenden Samstag in der Zeitung steht? Aus rein praktischen Erwägungen kann man nicht bis zum Sankt-Nimmerleinstag Wohnungen besichtigen. Ich gehöre zu den Menschen, die das auch gar nicht möchten. Die Stochastik hat hier ein paar Hilfen parat, die zwar logisch nachvollziehbar, aber leider trotzdem oft unituitiv oder alltagsuntauglich sind.

Richtig gute Entscheidungen fällt man meiner Meinung nach auch nicht, sie wachsen. Mal schnell, mal langsam. Wenn sie ausgewachsen sind, brauchen sie manchmal noch etwas Zeit, um aus den Tiefen der Bauchhöhle in die lichten Höhen des Bewusstseins aufzustiegen.

Hinterher frage ich mich dann manchmal, ob ich zu einem bestimmten Zeitpunkt schon wusste, dass ich später jenes tun würde.

Vielleicht hört auch der Kopf manchmal nicht richtig zu, weil er meint, dass eine gewichtige Entscheidung wohlüberlegt sein muss, nicht von jetzt auf gleich. Oder der Bauch murmelt zu undeutlich und leise. Ganz dumm ist es, wenn der Bauch tatsächlich nicht spricht. Vielleicht ist dann die Entscheidung noch nicht fertig. Sehr dumm ist, wenn man dann nicht warten kann, bis die Entscheidung fertiggewachsen ist. Dann macht halt der Kopf oder der Lauf der Zeit oder die Umstände oder der heilige Geist. Aber die besten Entscheidungen sind die, die einfach da sind. Begründung ist für die andern.

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10 Kommentare

  1. Sehr interessant. Ich glaube auch, dass Entscheidungen sehr oft (aber nicht immer) wachsen, nur gelegentlich werden sie nach mehr oder weniger bewussten udn rationalen Kriterien gefällt, letzteres wohl vor allem, wenn unerwartete Entscheidungen anstehen und Zeitdruck herrscht. Ich sammele oft lange Fakten, wälze lange Listen, vergleiche, und entscheide dann doch intuitiv. Dass man sich Kriterien um die unbewusst längst gefällte Entscheidung herum zusammenstellt, kann ich mir gut vorstellen.

    Und die meisten Werbetexter wären arbeitslose Sozialfälle, würden wir tatsächlich nach rationalen Kriterien einkaufen.

    Wunderschön, etwas böse vielleicht, aber Treffer versenkt 🙂

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    • Wenn ich mir die wichtigen Entscheidungen in meinem Leben anschaue, waren die wirklich guten die intuitiven. Die, bei denen ich lange rumüberlegt und Argumente gesammelt haben, waren oft die weniger guten, manchmal sogar so, dass ich sie später korrigieren musste.

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  2. Aua … Der Artikel tat weh. 😉 Ja, Entscheidungsprozesse sind komplexe Gegenstände, die allzu viel Reduktionismus jenseits von stark formalisierten Systemen nicht vertragen.
    Wenn ich auf mein Leben zurückblicke, blicke ich gar nicht so weit, allerdings ist der Blick ein wenig diffus. Da sind sowohl Vernunftentscheidungen, die sich als gut und richtig herausgestellt haben, da sind Bauchentscheidungen, die sich als falsch erwiesen haben und die umgekehrten Fälle sind auch präsent.
    Klar ist: Es funktioniert oft über den Bauch. Ob das immer so sein sollte, da bin ich skeptisch. Das hängt aber auch vom Gebiet ab, auf dem man die Entscheidung trifft. Was Klamotten angeht: Die Entscheidung für die roten Schuhe ist immer eine richtige Vernunftentscheidung, weil ästhetische Urteile durchaus rational sind. ^^

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    • Weh? Mein Beitrag verursacht Schmerzen?
      Was ich an der Theorie spannend finde, ist diese Frage nach der Rationalität der rationalen Entscheidung. Gründe abwägen klingt im ersten Anlauf extrem rational, aber auch darin steckt ein irrationales Moment, eben bei der Frage, welches Gewicht haben einzelne Argumente und auch der Punkt, wann habe ich denn ausreichend Gründe abgewogen. Und genau da steckt oft ein kleines bisschen Bauch mit drin, das Gefühl zu haben, dass es jetzt stimmt, dass die Entscheidung jetzt reif ist. Unschön kann es dann, wenn der Zeitpunkt von außen definiert wird.
      Es hängt ja überhaupt viel vom äußeren Rahmen der Entscheidung ab. Manche haben ja nur kurzfristige Konsequenzen; was esse ich heute? gehe ich ins Kino? Aber je dramatischer die Auswirkungen sind, gerade bei beruflichen Entscheidungen, umso mehr gilt für mich auf den Bauch zu hören.
      Schuhe kaufen ist ein sehr eigenes Kapitel, ich glaube die Art und Weise wie ich Schuhe kaufe ist etwas frauenuntypisch. Mir geht ganz allgemein Funktionalität häufig vor Ästhetik.

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      • Naja, du torpedierst meinen Hardcore-Rationalismus, der Gefühle am liebsten per Chip ausstellen würde, damit sie bei Entscheidungen endlich aufhören, mitzureden. *gg*
        Natürlich birgt jede Entscheidung ein irrationales Element. Das liegt in der Natur der Sache, weil wir uns die Natur und die Sache und so Dinge wie Gründe überhaupt erst machen müssen, die Welt also erst einmal in einer Entscheidungsstruktur erfassen müssen. Dadurch werden Optionen ausgeschlossen und potentiell relevante Punkte übersehen. Entscheidungen sind immer „Reduktion von Komplexität“ (oh, da kommt Luhmann doch um die Ecke *seufz*)
        Aber das Verfahren des Abwägens selbst, wenn wir Ungewissheit als Element der Entscheidungsfindung akzeptieren, bleibt damit potentiell rational. Wäre die Frage, ob Gefühle Ratio beeinflussen oder ob es nicht auch umgekehrt geht, dass Ratio unser Fühlen prägen kann.
        Und bei den Schuhen gleichen wir beide dann das jeweils entstehende Ungleichgewicht im Universum aus. Ich kaufe lieber keine Schuhe als unschöne Schuhe. *gg*

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        • Ja, ganz klar, lieber keine Schuhe als die falschen. Was aber in anderen Fällen genau die verkehrte Einstellung sein kann. Lieber nicht entscheiden kann ja bedeuten, dass man mit Konsequenzen leben muss, die man sich hätte aussuchen können. Mag aber praktisch sein, wenn man zum Abschieben von Verantwortung neigt. Ich bin meist lieber selbst schuld, dann kann ich mir immer noch einbilden, Herrin der Lage zu sein.

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          • Kommt eben immer auf die Situation an. Es ist ja durchaus manchmal rational, eine Entscheidung aufzuschieben, weil man mehr Daten hat oder sich eine passende Alternative bietet. Andererseits kann dann die Wohnung, die ein guter Kompromiss ist (um dein Beispiel aufzugreifen) weg sein.
            Was wäre das Leben schön und einfach, wenn man jemanden hätte, der einem das mit dem Entscheiden abnimmt, gell? *gg*

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