Ingrid und das Rätsel des Lötkolbens

Tagelang trieb mich die Frage um, wer eigentlich Ingrid ist. Ihr ist das Buch gewidmet, das ich gerade las. Es ist nicht besonders seitenstark, und ich bin Schnell-Leser, deswegen waren es nicht so viele Tage. Ich habe knapp überlebt.

Zwischen den Zeilen suchte ich fieberhaft nach ihr. Sie durchdringt das Buch. Während sich vor meinen Augen ein Mordfall mit überraschenden Wendungen aufbaute, in dem ausgerechnet die Wendung, die ich nach dem Lesen des etwas nebulösen Prologs erwartet hatte, nicht eintrat, schwebte Ingrid als graue Eminenz im Hintergrund und zog die Fäden.

Der Krimi selbst gefällt mir trotz bescheidener Erwartungshaltung sogar sehr gut. Oder wegen? Etwas viel Verwicklung vielleicht und eine etwas zu klugscheißerische Zurschaustellung der regionalen Ortskenntnis, es handelt sich um einen Vertreter der populären Gattung der Regionalkrimis, da müssen gewisse Klischees erfüllt werden, aber an sich durchaus gut. Leider weiß der Autor nicht, was der Unterschied zwischen einem Lötkolben und einem Bunsenbrenner ist, und sein Lektorat weiß es wohl auch nicht. Oder das Lektorat hat das Buch nicht gelesen. Kein Mensch kann ja alles lesen, was sich auf dem Schreibtisch türmt. Dadurch bekam das Buch in einem kurzen, für die Handlung wenig relevanten Abschnitt eine humoristische Note. Geschickter Schachzug. Von Ingrid aus dem Hintergrund eingefädelt?

Vermutlich durchlaufen Krimis nicht eine ähnlich anspruchsvolle Faktenüberprüfung wie dieser Blog, dessen Verifikationsteam keine Mühen scheut, insbesondere technische Details vor der Veröffentlichung peinlichst zu überprüfen. An dieser Stelle sei daher der Hinweis angebracht, dass aus einem Lötkolben schlagende Flammen ein ausreichender Grund sind, umgehende Sicherheitsmaßnahmen zu ergreifen. Eine Unterbrechung der Stromverbindung, falls noch möglich, kann in besonderen Fällen sinnvoll sein. Eventuell liegt ein Garantiefall vor. Kontaktieren Sie im Zweifelsfall den Hersteller oder die Verbraucherzentrale. Eine Gasflasche ist dagegen trotz landläufiger Meinung in den meisten Anwendungsbereichen zum Betrieb eines Lötkolbens nicht notwendig. Es handelt sich hierbei um eine von einer wenig namhaften Baumarktkette geschickt lancierte Falschinformation, die den Absatz von Propan fördern soll. Vermutlich steckt dahinter eine internationale mafiöse Organisation.

Ich werde dazu in Kürze meinen ersten Kriminalroman veröffentlichen, der vor der pittoresken Kulisse einer unterschätzen deutschen Stadt spielen wird. Dazu habe ich einen äußerst lukrativen Vertrag mit dem Stadtmarketing abgeschlossen und gemeinsam mit meinem virtuellen Hamster einen Verlag gegründet, der sich ausschließlich der Veröffentlichung von Kassenschlagern aus meiner Feder verschrieben hat. Ich feile noch an der Widmung, aber die Druckerpressen laufen schon warm, um eine Millionenauflage zu produzieren. Alle dafür benötigten Bäume wurden bereits getötet. Es ist nicht aufzuhalten.

Wer Ingrid wirklich ist, werde ich hier natürlich nicht verraten. Dies würde nicht den hohen Datenschutzanforderungen entsprechen, gemäß derer ich hier unter einem streng geheimen Pseudonym über namentlich nicht näher genannte Personen schreibe.

Leider trompetet es der Autor selbst in seiner Danksagung in die Welt hinaus. Wie langweilig. Ich bin enttäuscht. Der Mörder hat sich am Ende selbst gerichtet, Ingrid ist entzaubert.

Sollte jemand neugierig geworden sein: Diese Nichtbuchbesprechung wurde inspiriert von „Mord im Klostergarten“ geschrieben von Roland Stark, erschienen 2008 im Emons Verlag.

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