Wer ist Ingrid?

Ein neues Buch. Ein Krimi. Ein Regionalkrimi. Meine Erwartungshaltung ist so mittel. Ich blättere die ersten Seiten auf. Also ich blättere nicht, sondern ich tippe, das elektronische Buch samt Lesegerät und virtueller Bibliothek wurde nämlich eigens für mich erfunden. Nur halt nicht von mir, weil ich vor der Erfindung durch andere Menschen nicht wusste, dass ich exakt die Zielgruppe bin.

Ich werfe einen eher flüchtigen Blick auf das Deckblatt, das ich bei elektronischen Büchern, die nicht mal so nebenbei im Blickfeld liegen können, und deren Titelbild aus sinnvollen technischen Gründen schwarz-weiß ist, meist sträflich vernachlässige. Das schmälert leider den Wiedererkennungswert von Büchern, außerdem fehlt mir das Gefühl für die Länge oder Dicke, weil eine Zahl wie z.B. 628 Seiten doch weniger aussagekräftiger ist als das die Muskulatur beanspruchende Gewicht von 628 Seiten als Hardcover. Aber einen Tod muss man sterben.

Tod, ja, genau, das frisch begonnene Buch. Tod kommt im Titel vor, es ist schließlich ein Krimi. Bleiben wir beim traditionellen Wortschatz, ich öffne das Buch durch Tippen, aber nennen wir es blättern. Es handelt sich um einen Regionalkrimi eines auf die jüngst reichlich erscheinenden Regionalkrimis spezialisierten Verlags. Anfangs gibt es in dürren Sätzen Auskunft über den Autor, einen älteren Herrn. Naja, noch nicht so sehr  älter. In einem Alter, in dem der Klischeebeamte langsam beginnt, die Zeit bis zum Vorruhestand in Stunden auszurechnen, die Zahl aber noch ziemlich groß ist.

Es folgt der Hinweis, dass alles erstunken und erlogen sei.

Auf der nächsten, leeren Seite prangt die Widmung Für Ingrid. Die Seite ist damit nicht mehr leer, denn der Autor hat den horror vacui besiegt. Er hat seine Schreibblockade überwunden, mutig ist er dem weißen Blatt entgegengetreten und hat es mit den Worten Für Ingrid niedergerungen. Wer ist Ingrid? fragt man sich. Die Frau des Autors? Tochter? Geliebte? Lektorin? Mutter? Eine Auswahl davon in Personalunion? Der Leser wird im Dunkeln gelassen. Hatte ich erwähnt, dass es sich um einen Krimi handelt? Spannung von der ersten Seite an.

Prolog. Ein Mädchen flieht. Zeit und Ort bleiben unklar. Etwas Böses holt sie ein.

– Schnitt –

Ich lese selten Krimis und noch seltener regionale Serien. Zu häufig wiederholen sich da meistens die Strickmuster. Wenn ich welche lese, dann aus Gegenden, die mir sympathisch und nicht gänzlich unvertraut, aber gleichzeitig auch nicht zu gut bekannt sind, im vorliegenden Fall der Rheingau. Eine deutsche Stadt oder Region, aus oder über die noch keine Krimireihe erschienen ist, sollte sich vermutlich Gedanken über ihre Außenwirkung machen. Vielleicht liegt da noch unentdecktes Werbepotential brach. Eine Kriminalbuchreihe ist doch heutzutage wohl das mindeste, um sich ernstgenommen zu fühlen. Eine tatsächlich stattfindende Serie von Kriminalfällen dagegen könnte das Ansehen derselben Stadt vermutlich in kürzester Zeit ins Bodenlose stürzen lassen. Da hilft dann auch kein berühmter Kriminalautor mehr.

Einen Krimi aus meiner Heimatstadt möchte ich gar nicht lesen. Eine entsprechende Serie gibt es selbstverständlich, aber es könnte Äonen wunderbarer Kindheitserinnerungen zerstören! Die Vorstellung, das vor etwas Unbekanntem fliehende Mädchen würde just an der Bushaltestelle gemeuchelt, an der ich Stunden meiner Kindheit auf verspätete Busse wartend verbrachte! Nein, das Warten auf den Bus war nicht das Highlight meiner Kindheit. Aber ich würde Jahre rückwirkend vielleicht noch Angst bekommen. Oder die Leiche des Mädchens läge blutüberstömt an meinem Lieblingsplatz im Schloßpark. Oder es würde genau dort entführt, wo damals ein unbekannter Scherzkeks unsere Schultaschen … nein, das ginge zu weit, das ist eine gänzlich andere Geschichte und meine Mutter liest auch hier.

Der Autor widmet Ingrid seine düstere Geschichte mit dem Tod im Titel. Was sagt das über Ingrid, den Autor und ihre Beziehung? Ein Mann widmet einer Frau einen Roman, in dessen Auftakt ein junges Mädchen verschreckt und leidend voller Angst durch enge Gassen hetzt, verfolgt von einem vagen Grauen.

Was für eine Projektionfläche! Ist Ingrid das Mädchen? Will er in den Tiefen seines Unterbewusstseins Ingrid leiden sehen und widmet ihr deswegen dieses Buch? Oder will er ihr unverholen drohen? Widmet er ihr nicht das Buch, sondern versucht er auf diesem Weg Buße zu tun, für die viele nicht mit Ingrid verbrachte Zeit? Will er ihr in Wahrheit all die Stunden widmen, die das Buch von ihm forderte?

Worum es in der Geschichte eigentlich geht? Nebensache. Ich bin sicher, das Hauptdrama zwischen den Zeilen handelt von Ingrid.

Kann man eigentlich besser zwischen den Zeilen lesen, wenn man im E-Book-Lesegerät den Zeilenabstand vergrößert?

Ich hoffe, mir widmet niemals jemand ein Buch.

Fragezeichen sind vorläufig ausverkauft, die nächste Lieferung wird in einigen Tagen erwartet.

Wer Ingrid wirklich ist, und was ein Lötkolben damit zu tun hat, erfahrt ihr vielleicht hier.

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