Die Delegation

Ich lerne gerade das Delegieren. Eigentlich bin ich sogar schon im Fortgeschrittenenkurs. Ich weiß zum Beispiel, dass es Menschen gibt, die aus der Bemerkung Diese Sache fehlt. trotz des Wissens, dass eben dieses Fehlen in ihren Zuständigkeitsbereich fällt, nicht heraushören, dass ich sie damit auf nett dazu auffordern möchte, für Nachschub des Fehlenden zu sorgen. Typischer Fehler aus falsch verstandenem (vermutlich weiblichem) Harmoniebedürfnis. Ich habe schon gelernt, dass es in ganz besonderen Fällen heißen muss:

Hole Du bitte neues Xy, und sag mir Bescheid, sobald Du damit fertig bist.

Das ist jetzt sehr hierarchisch, ich sage, was der andere zu tun hat, weil ich es selbst nicht machen kann, oder weil ich dazu keine Zeit oder Lust habe, oder es nicht meine Aufgabe ist. Mag ich nicht, muss aber wohl sein. Wenn man das so machen muss, dann funktioniert es wie Programmieren: der Computer tut im Idealfall, was du ihm sagst. Nicht mehr und nicht weniger. Was du sagst, nicht was du meinst. Also sage genau, was du meinst und meine es auch genau so, wie du es sagst.

Nun bin ich ein großer Freund von Listen. Ich meine nicht diese tollen Schemata von wichtig, dringend, weniger wichtig, weniger dringend, usw. . Sondern chaotisch-ehrliche Listen. Auf meiner Liste ist jeder Punkt superwichtig und hätte gestern gemacht sein müssen. Jeder. Ohne Ausnahme. Also keiner. Ich schreibe sie gleichberechtigt untereinander und freue mich, wenn ich so viele Sachen durchgestrichen habe, dass es lohnt, einen neuen Zettel zu schreiben. Der alte hat dann meistens auch genug Teeflecken, zusammenhanglose Randbemerkungen, gern in Zahlenform, Ergänzungen, Ausrufezeichen, Fragezeichen, Rahmen, und was es sonst so an Dekoelementen für Listen gibt.

Jeder, der Einkaufszettel schreibt, kennt das: man findet im Laufe der Jahreszeiten in Jacken- und Hosentaschen so einen alten Zettel, ein bisschen mitgenommen, aber eigentlich könnte man den sofort nochmal verwenden, es steht eh immer dasselbe drauf. Ich habe schon mal überlegt, ob ich nicht welche ausdrucke, wo alles wöchentlich wiederkehrende (Obst, Gurke, Tomaten, Käse, Brot, …) gleich draufsteht und alles in größeren Abständen zu kaufende (Wein, Nudeln, Reis, Kartoffeln, Butter, Fisch, Fleisch …) zum Ankreuzen. Unten wäre dann noch Platz für die wirklich nur gelegentlich gekauften Exoten aus Rezepten, die man nur einmal kocht. Den Plan habe ich dann für später auf einen Zettel geschrieben.

Mit der Liste auf der Arbeit ist es so ähnlich. Es gibt Stichworte, die verschwinden nicht von der Liste, die stehen immer wieder drauf. Manchmal weil ich gar nicht daran arbeite, oft weil sie, trotzdem ich daran arbeite, nicht fertig werdende Dauerbrenner sind oder selbsterneuernd. So wie Kirschtomaten und Käse eben jede Woche wieder leer sind.

Die Stichworte, die sehr wohl verschwinden, sind die mit einem Namen daneben. Aus Aufgabe 1 wird da nämlich Aufgabe 1 an Lisa delegieren. Danach wird daraus Bei Lisa nach Aufgabe 1 erkundigen. Und weil Lisa, manchmal auch als Dorothée 2 bezeichnet, die weder Lisa noch Dorothée heißt, deren Namen ich hier aber durchaus schreiben könnte, weil ich nur Gutes über sie zu berichten hätte, ebenso wie über Lisa 2 und Lisa 3 und Lisa 4, also weil Lisa fleißig ist, darf ich Aufgabe 1 dann auch abhaken.

Die tausenden von Führungskräften, die zur Unterhaltung zwischen zwei Kaffee-zum-Rumlaufen meinen Blog lesen, finden das jetzt natürlich wunderhochgradigtrivial und de-abonnieren mich gleich, weil ich so rumschwafle, als hätte ich das gerade entdeckt. Aber so ganz einfach finde ich das mit dem Aufgabe 1 an Lisa nicht immer. Ich verteile nicht gern Arbeit an andere. Ich hatte auch schon einmal mit einer Lisa zu tun, die natürlich ebenfalls nicht Lisa hieß, was auch damit zu haben könnte, dass es eine männliche Person ist, die mich die oben erwähnte Delegation-für-Einsteiger-Lektion gelehrt hat. Außerdem habe ich damit die Aufgabe, nicht nur den Überblick zu behalten, was alles zu tun ist, sondern auch noch auf dem Zettel zu haben, was Lisa auf dem Zettel hat.

Das deutsche Suchwort delegieren fördert bei Google übrigens fast eine halbe Million Treffer zutage. Ich überfliege die ersten beiden Trefferseiten. Zum Davonlaufen. Schon wieder viel zu viele Überschriften mit 5 Regeln, 7 Fakten, 3 häufigen Fehlern, 5 Schritten und viel zum Thema Bloß alles richtig machen. Als ob das so einfach wäre. Ich befolge fünf lumpige Regeln und schon klappt alles. Scheint aber ein Thema zu sein. Und es scheint Bedarf an diesbezüglichen Heilsversprechen zu geben.

Je komplizierter ein Thema in Wirklichkeit ist, umso besser verkaufen sich ja die simplen Rezepte. Ich fühle mich völlig überfordert von den täglichen Meldungen, was ich zu welcher Tageszeit in welcher Kombination mit was essen muss, darf oder soll? Macht nichts, der nächste Ratgeber, der mich mit sieben einfach zu befolgenden Regeln wieder in die Spur bringt, ist für 24,99€ zu haben. Vielleicht gibt’s es dann den Einkaufszettel gleich fertig? Ich vergaß, das gibt’s in Kochrezeptsammlungen ja schon lange. Ich habe keinen blassen Schimmer, wie ich was auch immer in meinem Leben in den Griff kriegen soll? Es gibt immer eine Partei, die mir im Tausch gegen ein simples Kreuzchen auf dem Wahlzettel die Lösung aller meiner irgendwelcher anderer Probleme verspricht.

Ich wollte was über’s Delegieren schreiben. Ich glaube, es hat nicht so ganz geklappt, und gescheites Beitragsbild hab‘ ich auch keins. Ich glaube, ich werde mal Lisa 1 (aka Dorothee 2) , 2, 3 oder 4 fragen, ob sie das nicht machen können.

Um jeden falschen Eindruck im Keim zu ersticken: Ich mag Lisa 1, 2, 3 und 4 und ihr sinnvolles Tun. Ich betreue ihre Uni-Abschlussarbeiten, und das macht mir viel Freude.

Advertisements

7 Kommentare

  1. Schreib doch, wenn es mit dem zielführend schreiben nicht klappt, Lisa 1 oder Dorothee 2 hinter den Listenpunkt „Bloggen“. 😉

    Meine To-Do-Liste ist übrigens ähnlich unorganosiertwie deine. Ich habe mal mit Ausrufezeichen experimentiert, aber den Unterschied zwischen sechs und sieben sieht man nicht mehr. 🙂

    Gefällt 1 Person

Was meinst Du dazu?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s