Amüsantes über Chemtrails?

Auf verschlungenen Pfaden stieß ich jüngst auf die Akasha-Säule. Nicht im Wortsinne, sonst wäre ich jetzt vermutlich komplett neutralisiert und alle Kondensmilch in weitem Umkreis vernichtet, und ich könnte hier nicht gepflegt despektierlich darüber schreiben. Ihre Existenz bahnte sich vielmehr während eines Spaziergangs durch die Weiten des Internets den Weg in meine Wahrnehmung. Vermutlich lag das an extrakosmischen Schwingungen, die mittels Geisterneutralinos übertragen wurden und so meinen Mauszeiger auf den entsprechenden Link zubewegten.

Auf einer bekannten Verkaufsplattform lässt sich dieses Wunderwerk der Esoterik ganz unkompliziert bestellen. Versandfertig innerhalb von 6-10 Tagen. Ich finde allerdings einen Versandkostenzuschlag von 4,95€ bei einem Stückpreis von stolzen 4499,00€ etwas kleinlich. Typischer Schwellenpreistrick, sehr unseriös. Anlieferung Bordsteinkante sollte da mindestens drin sein.

Genauer googeln müsste Ihr das jetzt bitte schon selbst, weil ich mit einer Verlinkung hier ja vielleicht schon eine gewisse Verantwortung für den Absturz Eures Kontostandes übernehmen würde, falls jemand tatsächlich auf die Idee käme,  die metaphysische Wundertüte zu bestellen. Und das weise ich natürlich weit von mir. 

Unabhängig davon sind die Bewertungskommentare etwas Zeit wert, wenn man sich  sinn- und kostenfrei auf anderer Leute Kosten amüsieren möchte. Da beginnt nun schon mein Problem. Jeder Versuch, hier etwas Witziges oder vielleicht sogar Originelles zum Thema Chemtrails zu schreiben, käme nur noch als blasse Kopie des dort gelesenen daher, und liefe gleichzeitig Gefahr in einer Sackgasse des Zynismus zu enden. Deswegen werde ich es lassen. Dafür gehört vorübergehend das Wort Chembuster zu meinem passiven Vokabular, und ich habe einen Chemtrail-Hirnwurm, in Analogie zum Ohrwurm. Ein erstes Anzeichen ihrer gefährlichen Wirkung? Keine Angst, genau dafür gibt es die Akasha-Säule.

Wer immer noch mitliest und keinen blassen Schimmer hat, was das ist: Es ist ein mehr oder minder dekoratives Zier-Objekt für Heim und Garten, das die Welt rettet. Naja, vielleicht nicht gleich die ganze Welt, aber es bewahrt seinen Menschen vor der schädigenden Wirkung von Chemtrails bzw. Kondensstreifen.  Ich glaube, es leitet sie auf den Nachbarn um, der dann Schnecken im Garten hat. Und Giersch. Wobei ich mir immer noch nicht sicher bin, ob jeder Kondensstreifen immer auch ein Chemtrail und damit automatisch das materialisierte Böse ist. Kondenstreifen jedenfalls existieren, auch wenn ihre Bildung für Entwickler atmosphärischer Modelle eine harte Nuss ist. Chemtrails gehören wohl eher ins Reich der Phantasie.

Oder nicht? Ich hatte tatsächlich schon einmal Kontakt mit einer Person, die an Chemtrails glaubte, schriftlich nämlich. Also der Kontakt war schriftlich, der Glaube ist vermutlich mental, und die Kommunikation mit den Chemtrails erfolgt durch Übertragung der Gedanken durch die Akasha-Säule. Und möglicherweise hatte ich unwissentlich sogar schon häufiger Kontakt mit Menschen, die an Chemtrails glauben, ohne dass dies Thema der Unterhaltung gewesen wäre. Ich führe generell ungern Unterhaltungen mit Menschen, die zu Beginn eines Gesprächs das Bekenntnis abfragen, und tue dies auch selbst nicht. Es reicht, wenn das Finanzamt das in der Präambel der Steurerklärung macht.

Der besagte Herr jedenfalls hatte Chemtrails als Quelle allen Übels im Allgemeinen und als Ursache eines weiträumigen Unwetters von beeindruckender Durchschlagskraft im Besonderen identifiziert. Vielleicht war ihm ein Baum aufs Auto oder den Wintergarten gekracht, und die Feuerwehr stand nicht prontissimo morgens um sechs auf der Matte, und er musste mit dem Brass irgendwo hin, schließlich MUSS jemand an allem schuld sein. Immer. Vielleicht war es auch was Ernstes. Ich jedenfalls, psychologisch und esoterisch unbeleckt, lakonisch und von beschränkter Diplomatiefähigkeit, sollte einen Antworttext schreiben, der verbindlich-unverbindlich seine Sorge ernstnahm, ihn aber gleichzeitig davon abhalten sollte, mir weiter mit dem Kappes auf den Keks zu gehen.

Ich habe in der Zwischenzeit gelernt, dass Kappes eigentlich Weißkohl ist. Weil ich Weißkohl in einer Auswahl von Zubereitungsarten sehr gern esse, hadere ich jetzt etwas mit dem Ausdruck, aber es ist so eine schöne Alliteration mit Keks, deswegen darf er stehenbleiben.

Letzteren Zweck haben meine Sätze erfüllt, ich hörte nie wieder von ihm, und genau aus diesem Grund weiß ich nichts über die Erfüllung des ersten Anspruchs. Meine Kollegen haben das Werk meiner Feder zumindest gelobt. Ich lobe auch gern die Arbeitsergebnisse anderer, sonst müsste ich es am Ende noch selbst machen. Der Empfänger hat vermutlich seine Vorurteile über die Behörden und alle anderen bestätigt gesehen und meine Sätze, je nach Charakter wutentbrannt oder enttäuscht verbrannt, zerrissen, gelöscht oder der Akasha-Säule zum Fraß vorgeworfen, um meine böse Aura zu bannen.

Ja, und genau deswegen ist es so schwer, witzig zum Thema Chemtrails zu schreiben. Chemtrails sind lustig, wenn zu fortgeschrittener Stunde eine Runde angeheiterter Naturwissenschaftler vor sich hinschwurbelt und die Weltverschwörung plant. Oder mittags beim Kaffeegespräch in der Teeküche, um mal kurz das Hirn zu lüften. Sie sind aber nicht mehr lustig, sobald jemand sie ernst nimmt. Weil die, die daran glauben, das mit der Felsfestigkeit des Himalayas tun. Davon wird man komplett humorlos. An ihrer Überzeugung kann mal ein Erdbeben kurz wackeln. Aber was schon sind ein paar Sekunden Zweifel gegen Glaubensjahrzehnte? Da kauft man lieber eine zweite Säule, damit die erste nicht so einsam ist, und weil es so schön aussieht, kommt ein Hinkelstein als Kraftzentrum in die Mitte. Mit Schleifchen.

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12 Kommentare

  1. Ähhhhhhhhh….Huhhhhhhhhhhh?!?!?!
    Ich recherchiere gerade die oben genannten Begriffe und werde unmittelbar vom schlechten Gewissen geplagt, weil ich es wage, wegen gerade einmal 5000 € meine Kinder im Garten ohne Chembuster spielen zu lassen!!!! Außerdem wird mir nun endlich klar, was die vielen Kupferdiebe vorhaben – eine riesige Säule bauen, die bis zu den Chemtrails direkt reicht. Vielleicht wird das so etwas wie ein Himmelsstaubsauger…
    Dann frage ich mich noch: Wenn mein Nachbar ein gereinigtes, harmonisiertes Klima hat ( weil er z.B. nicht so geizig ist wie ich oder weil ihm das Gleichgewicht des Ätherfeldes genauso wichtig ist wie das Gleichgewicht aus argem Blödsinn und völligem Unsinn), welche Auswirkungen hat das auf das Klima in meinem Garten? Wird es zu vermehrten Unwettern am Zaun kommen, weil die Fronten aufeinander treffen? Entstehen dort alles verschlingende schwarze Löcher, Flugverkehr störende Bermudadreiecks-Klone? Ich rufe schon Mal einen Fernsehsender an: das könnte eine spannende Mystery Doku werden

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    • Bei Kindern muss man natürlich besonders sensibel sein. Es ist gerade zu unverantwortlich sie nicht vor den bösen Mächten, die die Chemtrails verbreiten, zu schützen. Unabhängig davon sollte man Kinder natürlich nie in der Nähe von Territoriumsgrenzen spielen lassen. Diese müssen immer schwer gesichert sein, am besten mit Stacheldrahtverhauen, im Notfall wenigstens mit Liguster. Wer weiß, welches Übel sonst alles rüberkommt. In der besonderen Situation, dass ein Nachbar über einen Chembuster verfügt und der andere nicht, ist an der Grundstücksgrenze mit gravierenden Singulariäten und Wurmlöchern zu rechen. Pass also bloß auf, dass deine Kinder nicht eines schönen Nachmittags durch einen sich unvermittelt auftuenden Kaninchenbau rutschen und in einer anderen Dimension aufwachen!

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    • Also, ich habe ja gehört, dass man Chemtrails dadurch neutralisieren kann, dass man im Garten Essig mit so einem Zerstäuber in die Luft stäubt. Das löst alle zu dem Zeitpunkt im Sichtfeld schwebenden Chemtrails auf und neutralisiert die enthaltenen Chemikalien. Es muss aber „sauberer“ Essig sein, nicht der von „der Industrie“, weil die alle Teil des Komlotts sind und die Rezepturen so geändert haben, dass ihre Essige nicht mehr gegen Chemtrails helfen. Sauberen, chemtrailwirksamen Essig gibt es im Esoterikversand, oder man macht ihn selbst. Rezepte gibt es im Internet.

      Essigzerstäuben hat natürlich keine präventive Wirkung und kann daher nur Notfallmittel in einer konkreten Chemtraillage sein. Andererseits ist das aber besser als nichts. Und mit etwas Aufmerksamkeit kann man lange Essig versprühen, bevor man die Akasha-Säule preislich überholt. Allerdings müsste man den Zeitaufwand noch irgendwie in Ansatz bringen, das dürfte dann der Hauptkostenfaktor sein. Egal, lange bevor man damit bei 5.000 Kosten ist, gibt es keine Flugzeuge mehr.

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      • Ich kann mir vorstellen, dass man eine sehr wirkmächtige Essigmutter dafür braucht. Aber günstiger als eine Akasha-Säule ist es allemal. Und ich nehme an, dass auch die körperliche Gesundheit von der besonderen Wirkung des Essigs nur profitiren kann. Parallel zur spirituellen Reinigung der Atmosphäre findet also auch noch eine innere Reinigung statt. Einfach genial einfach.

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      • Das wäre doch eine Geschäftsidee: Ein hochwertiger (gibt’s sicher im Gastronomie- oder Gärtnergroßhandel) Zerstäuber, energetisch aufgemöbelt, z.B. silberfarben lackiert mit einem aufgeklebten Energiekristall (so Glaszeug, das man für ein paar Cent im Bastelladen kriegt) und eine kleine Flasche phantasievoll benannten Essig („Akasha-Urmutter Essigessenz“ oder so), die dann in einem in der (eigens zu schreibenden) Bedienungsanleitung beschriebenen Ritual mit informiertem/energetisierten/belebten Wasser verdünnt, eingefüllt und versprüht wird. Den Ur-Essig gäbe es dann auch zu einem, ahem, fairen Preis nachzukaufen. Musst nur ein paar positive Kritiken zu Esoterikprodukten schreiben, um Dich bei der potenziellen Kundschaft einzuführen, dann bist Du im Geschäft…

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