Das schräge Gegenüber

Vorhin an der S-Bahn-Station schien es noch unwahrscheinlich, aber ich sitze im ICE. Der, überflüssig zu erwähnen, in umgekehrter Wagenreihung vom anderen Gleis mit etwa 20 Minuten Verspätung losfuhr. Ich sitze, und habe damit einigen im Zug anwesenden Personen gegenüber trotz fehlender Platzreservierung einen Bequemlichkeitsvorteil, im Großraumwagen an einem, wie heißt das eigentlich? An einer Vierer-Sitzgruppe mit Tisch. Auf der anderen Seite des Mittelgangs wiederholt sich die Konstruktion. Und an jener, mir schräg gegenüber, sitzt Bernd Lucke.

Der, der diese komische Partei gegründet hat. Also die andere, nein, zuerst die eine Partei und dann die andere. Der jedenfalls. Oder jemand, der ihm so ähnlich sieht, wie, und das meine ich jetzt wirklich völlig wertfrei und fern jeder politischen Überzeugung, ich niemandem wünsche, einem Gesicht, das zeitweise hochfrequent in full oder leer HD über die Mattscheiben der Republik flimmert, ähnlich zu sehen.

Es ist Montagmorgen, ich bin auf dem Weg zur Arbeit und möchte mich während der Bahnfahrt nochmal vor und mittels aufgeklapptem Laptop daran erinnern, was das inhaltlich für einen Großteil des Rests des Tages bedeutet. Meistens habe ich montags nämlich weitgehend vergessen, was ich mir freitags überlegt habe, dass ich montags tun werde. Weil der Montag sich selten nach dem richtet, was ich mir freitags überlegt habe, ist das im Allgemeinen nicht schlimm. Trotzdem könnte ein wenig Konzentration nicht schaden, schließlich ist das der Hauptvorteil der Fortbewegung mit der Bahn, das man fortbewegt wird und dabei was anderes tun kann.

Im Gegensatz zu dem blonden Dreiergespann sehr gesprächiger, giggelnder Damen, mit dem der schräg gegenübersitzende Herr den Tisch teilt, ist er angenehm schweigsam und er stellt damit keinen Grund der Ablenkung dar. Wenn da nicht diese Ähnlichkeit wäre. Diese Frage, ob der das jetzt wirklich ist oder er nur so aussieht. Nicht dass das überhaupt wesentlich wäre. Aber ist die Frage mal im Hirn, wird man sie so einfach nicht mehr los.

Würde ich meinen Nachrichtenkonsum ausschließlich durch Radio decken, wäre ich nicht in dieser Lage, solange der Herr nicht spricht. Was er nicht tat. Als das Internet noch nicht ganz so bebildert daherkam, und ich ohne Fernsehen lebte, wusste ich von den meisten Politikern nicht, wie sie aussahen, und gefehlt hat mir da nichts. Fernsehleute kannte ich gleich gar nicht. Da hätten alle Moderatoren der Tageschau auf Betriebsausflug im Zug sitzen könne, ich hätte es nicht gemerkt. Damals wohnte ich aber bei ungünstigem Wind in Hörweite des ZDF-Fernsehgartens, es war also vermutlich mehr das Personal des heute-journals, das ich im Alltag vielleicht mal übersehen habe.

Aber den „die-kenn-ich-doch-“ oder „Ist-das-nicht“-Effekt gibt’s natürlich auch ohne Fernsehen. Vielleicht nicht so extrem wie heute Morgen. Aber es ist trotzdem kurios, was die eingebaute Mustererkennung im Hirn mit uns macht. Die da hat fast genau so eine Brille wie meine Sandkastenfreundin Namevonderredaktiongeändert, und die dort hat Haupthaar wie meine Banknachbarin in der siebten Klasse, und der da hinten könnte fast der Nachbar meiner Tante sein, der zehn Kilo zugenommen hat. Und dann müssen wir immer wieder hinschauen. Selbst wenn längst geklärt ist, dass der Typ am Fenster nicht der Cousin der Tante von Mutters ehemals bester Freundin, wegen der sie heute extra die Straßenseite wechselt, ist. Aber er sieht ihm eben so ähnlich, und anscheinend glauben die Synapsen, diese Ähnlichkeit verschwinde durch regelmäßiges Hinsehen entweder, so dass kein Grund zur Irritation mehr bestünde, oder die Ähnlichkeit ginge langsam in Identität über. Wäre das dann Selbstähnlichkeit?

Ja, und mir gegenüber, schräg halt, aber doch gegenüber im ICE von Köln nach hoffentlich Frankfurt, so ganz traue ich der Bahn da an so einem Tag wie heute nicht, sitzt der Lucke. Wie war noch gleich dessen Vorname? Da gibt es doch diese Show, in der sie den immer so mit dem Vornamen veralbern. Bernd oder Björn?  Nein, das war ein anderer. Hier muss ich jetzt unbedingt loswerden, dass ich mir 100% sicher bin, dass der Sprecher im Deutschlandfunk, also seriöstestes Radio wo gibt, und morgens gegen 8 Uhr garantiert jeder Unernstigkeit unverdächtig, neulich „Bernd Höcke“ gesagt hat. Der hier heißt wirklich Bernd und wird deswegen meines Wissens nicht öffentlich veralbert. Also wenn er denn so heißt, bzw. wenn er es denn nun ist. Vielleicht ist er es ja doch nicht, sondern nur einer, der ihm unglaublich ähnlich sieht.  Oder meine Mustererkennung spinnt rum, und er ist einfach nur der Mann im Mond. Könnte auch sein.

Aber eigentlich ist mir das doch auch egal. Die Fähigkeit, seine Umgebung auszublenden, mag evolutionär vielleicht nicht ganz so wichtig gewesen sein, wie die rasche Erfassung derselben und die Gesichtsähnlichkeitserkennung, manchmal finde ich sie aber sehr wertvoll. Und ich schaffe es dann auch tatsächlich noch, dass meine Synapsen sich eine flinke Hochgeschwindigkeitszugfahrt lang mit dem Inhalt der Vorlesung beschäftigen, die ich heute Mittag vortragen werde, und da sitzen mir dann sympathische Studenten gegenüber, die ab und zu sogar sprechen, keinen Einheitsanzug mit Krawatte tragen, und eindeutige Vornamen haben.

PS: Mir war heute nach Nebensätzen, und das Lektorat hatte frei. Wer es beim Lesen bis hier schaffte und unterwegs einen nicht korrekten Konjunktiv oder Genitiv oder ein ebensolches Komma fand, darf es oder ihn behalten und mir gern eine Korrektur schicken.

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3 Kommentare

  1. Wow! Die Eltern deiner Sandkasten Freundin waren aber echt vorausschauend (klug oder fies?): falls es die Tochter mal auf das Titelblatt einer Zeitung schafft, kennt jeder schon lange ihren echten Namen und ihre vielen unglaublichen Geschichten, über die täglich mehrfach berichtet wird 😉
    Wir waren neulich in einem Geschäft, in dem mir die Verkäuferin soooo bekannt vorkam. Ich kramte im Hirn, ging Mütter aus Spielgruppen durch – zu anderen Erwachsenen habe ich ja keinen persönlichen Kontakt – und kam irgendwann zu der Überzeugung, nachdem ich die gute Frau lange genug angestarrt hatte, dass sie derselbe Menschentyp ist wie …ja wie wer eigentlich? Definitiv eine berühmte Hollywood Schauspielerin. Seither rätsle ich, wen ich da überhaupt meine, wie die heißt und aus welchem Film ich sie kennen könnte. Das Hirn geht verschlungene Wege und stolpert am Schluss über einen gordischen Knoten, sozusagen.

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