Die Laus im Pelz

Frisch grün gefärbt, volles Wachstum schon beim ersten zarten Frühlingserwachen, winterhart,  ohne Dünger auf jedem noch so kleinen Balkon überlebensfähig. So träume ich mir nicht nur nachts das Leben in den Kräutertöpfen zur Unterstützung meiner grandiosen Kochkünste schön. Und es gibt diese Wesen. Noch bevor die ersten Triebe erntereif wurden, waren sie da. Kein Winter kann so hart sein, dass sie nicht verlässlich wiederkämen. Sehr verehrte Damen und Herren, nur heute täglich in diesem Theater: Die Blattläuse!

In zartem Grün bevölkern sie emsig wachsend und sich noch emsiger vermehrend meine Pflanztöpfe. Und weil sie so schön emsig sind, sind die Emsen natürlich auch da, wuseln ebenso emsig um ihr Nutzvieh herum, passen auf, dass kein Käfer drangeht und melken. Das ist ein Balkon im 3. Stock und keine Alm! Ich dagegen melke nicht, ich sprühe. Chemische Kampfstoffe sind die einzige Lösung! B-Waffen der Eskalationsstufe I, Spülmittel, Kernseife oder Brennesselsud, sind schon vor Jahren kläglich gescheitert. Das Biogewissen und der Selbsterhaltungstrieb wehren sich: „Hier werden Nahrungsmittel produziert.“

Der Genießer frischen Grüns hält dagegen. Wie sie da so sitzen die grünen Pummelchen, meinen Küchenkräutern langsam die Nährstoffe absaugen, gerade so viel, dass diese nicht völlig verkümmern, aber so viel, dass hemmungsloses Ernten nicht möglich ist. Wie sie da so sitzen und trotz gründlichen Waschens später gebrüht im Pfefferminztee schwimmen. Ich kann sie schmatzen hören, und das Ameisenvolk reibt sich die Fühler im Takt. Da helfen keine Hier-Nicht-Schilder, da hilft nur noch Stacheldraht.

Die Ameisen betreiben hier hemmungslos eine nicht genehmigte Tierhaltung, füttern ihr Vieh mit meinem Grünzeug, scheren sich einen Dreck um die Gülleverordnung, den Lärmschutz, die Geruchsimmissionsrichtlinie und das Tierschutzgesetz. Ich bin sicher, dass die Blattläuse hier nicht artgerecht gehalten werden, der jedem Tier zur Verfügung stehende Platz ist nicht ansatzweise ausreichend, und die Einkerkerung in über 10m Höhe unter Ausnutzung der Höhenangst der flugunfähigen Tiere ist zutiefst unmoralisch, das grenzt an Folter. In Mexiko werden immer mehr Hunde auf Hausdächern gehalten. Aus gutem Grund will man das dort verbieten.

Wie, mein Balkon? Ist das jetzt plötzlich meine Verantwortung, dafür zu sorgen, dass die grünen &/$§“%&$%& ihren Ansprüchen entsprechend gepflegt werde, bloß weil das mein Balkon ist? Davon steht nichts im Mietvertrag. Sie werden widerrechtlich mit meinen Pflanzen ernährt. Das ist Mundraub, und ich bin dafür nicht verantwortlich. Ich werde bestohlen! Ich bin das Opfer!

Erbsenläuse haben wohl das Potential der neue Modellorganismus der Forschung zu werden. Sie werden die Welt retten. Sie werden Menschenleben retten, dank der mit ihrem Genmaterial produzierten Forschungsergebnisse. Wir werden ihnen ewig dankbar sein – müssen. Blattläuse ins Labor! Ich hätte da welche für angehende Nobelpreisträger günstig abzugeben. Was dagegen hier vor meinen Augen im Freilandversuch passiert, würde jeder Ethikkommission den Atem stocken lassen. Ich bin sicher, der erste Forscher, der mit Blattläusen experimentiert hat, war ein verzweifelter Hobbygärtner. Ich überlege, das Forschungsgebiet zu wechseln. Das passende Labor hab ich schon.

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8 Kommentare

  1. Hahaha! Probier es doch lieber mal mit Nützlingen statt mit Chemie. Auf ein paar weitere Käfer kommt es auch nicht mehr an und die essen die wohlgenährten Blattläuse einfach auf 🙂 Lecker!

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    • Ich habe voller Verblüffung gesehen, dass man Marienkäfer- und Florfliegenlarven im Internet bestellen kann. Was alles gibt! Ich probier’s erstmal morgen im Gartenmarkt. Aber eine Spülmitteldusche gab es heute trotzdem schon, um mein Bedürfnis nach Aktionismus zu befriedigen.

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      • Ja, und das ist sogar sehr praktisch! Meine besten Freunde sind Schlupfwespen gegen Wollmotten. Die Bengelchen reisen im kleinen Umschlag an und ich muss ihr Kärtchen nur in die Wolle legen. Den Umzug machen die ganz allein.

        Die Sache mit dem Aktionismus kann ich verstehen *lol*

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  2. „An meinen Erdbeeren hat’s Läuse“, stellte ich schon vor einem Monat fest. „Läuse gehen nicht an Erdbeeren“, entgegnete mein Mann in alter Gärtnerlogik. Er hat in der Zwischenzeit seine Meinung geändert. Nach dem milden Winter hat es offenbar mehr Läuse denn je. Es ist ein Graus!!!

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