Auf der Suche nach der Ü-30-WG

In der Küche stapelt sich das Geschirr der letzten Wochen, das Bad steht voll mit Hygieneartikeln, von denen längst keiner mehr weiß, wer sie usprünglich mal importiert hat, und es gibt dauernd Streit darum, wer den Müll rausbringen müsste und dran ist mit was auch immer. Klingt wie der normale Wahnsinn einer mehrköpfigen Familie. Oder das Klischee, das dem ein oder anderen zum Stichwort Wohngemeinschaft einfällt.

Entsprechend fiel die Reaktion einiger meiner Mitmenschen aus, als ich erstmals laut darüber nachdachte, selbst wieder WG-Insassin zu werden. In eine WG willst Du ziehen? Ist das nicht eher was für Studenten? Nein, ist es nicht. Ich war anfangs nicht ganz sicher, ob es WGs von, für, mit Menschen wie mir eigentlich gibt. Sehr schnell habe ich dann aber gemerkt, dass es das sehr wohl gibt, zumindest in der großen Stadt. Da ich gebürtiges Landei bin, ist dabei der Ausdruck große Stadt für den ein oder anderen vielleicht nicht so wörtlich zu nehmen. Aber das mainische Frankfurt wächst emsig der stattlichen Einwohnerzahl von 700.000 entgegen, und das ist ein Faktor 10 mehr als der städtische Bezugspunkt meiner Jugend. Nebenbei ist es damit die größte Stadt überhaupt, zu deren Einwohnerzahl ich bisher mein bescheidenes +1 beigetragen habe, wenn auch in Teilzeit.

Aber ein Teilzeiteinwohner muss wohnen. Nicht sieben Tage die Woche, aber eben so drei bis vier. Nur wo? Und wie? Wie wollen wir überhaupt wohnen? Mal so ganz grundsätzlich. Das meiste, was ich auf dem Wunschzettel habe, ist derzeit eher schwer umzusetzen, ich will realistisch bleiben.

In meinem Bekanntenkreis reicht das Spektrum der Wohnformen von vorrübergehendem Fernpendlen bis Kommune, aber die meisten sind doch schon länger beim Wohnen als Paar bzw. Familie oder in der Single-Wohnung angekommen, gerne in der eigenen Immobilie. Für mich waren Wohngemeinschaften auch eher so ein optionales, mehr oder weniger freiwilliges Entwicklungsstadium, das man irgendwann verlässt, ein Konzept aus dem man quasi rauswächst. Dabei gibt es tausend individuelle Gründe für das Wohnen in der WG auch jenseits des Studiums. Meiner ist sehr pragmatisch: an zwei Orten vollumfänglich wohnen ist Unfug. Warum suchen andere einen Mitbewohner? Sprich, warum sollte jemand vorläufig noch wildfremdes mit mir seine Bleibe teilen?

Naja, auch pragmatisch. Am häufigsten gehört habe ich, dass jemand einfach in der liebgewonnen Wohnung oder dem Haus bleiben möchte, das aber für einen alleine zu groß und damit auch zu teuer ist, nachdem Kinder oder Partner ausgezogen sind. Manche suchen mehr einen Haus(tier)sitter, weil sie viel weg sind.  Oder jemand pendelt wie ich Montag bis Freitag zur Arbeit in eine andere Stadt und vermietet ein Zimmer in der eigenen Wohnung dann gern an einen anderen Wochenpendler weiter, weil ein Umzug an den Arbeitsort derzeit nicht infrage kommt,  wegen tausenderlei. Mancherorts treffen sich mehrere Familienmitglieder am Wochendende, unter der Woche sind sie auf alle Himmelsrichtungen verteilt und stehen die Zimmer leer. Dann wird ein gegenzyklischer Wochenendheimfahrer gesucht, der den Briefkasten leert, die Blumen gießt und wohnt.

Der Konstellationsmöglichkeiten sind unzählige. Manche haben sehr genaue Vorstellungen, mit wem sie wie intensiv zusammenwohnen möchten, suchen also vielleicht eine deutschsprechende Frau im Alter zwischen 29,5 und 34,7 , ordnungsliebend, Nichtraucher, kein Besuch, keine Haustiere, am besten überhaupt die meiste Zeit weg, außer im unverhandelbar festgelegten Wochenputz-Zeitfenster.

Andere sind offener und nicht so festgelegt, und es macht ihnen auch nichts aus, sich alle paar Monate auf einen neuen Kurzzeitmitbewohner einzulassen. Sehr beeindruckt hat mich, wie spontan andere Menschen nach einem 30-Minuten-Gespräch gesagt haben: „Ja, du kannst bei mir einziehen.“ Mein Bauchgefühl ist etwas langsamer unterwegs, ich muss das dann erst ein paar Stunden sacken lassen. Man ist zwar mit den paar Klamotten auch schnell wieder ausgezogen, falls es nicht klappt, wird halt die Bettdecke wieder zusammengerollt, aber Wohnungssuche als Dauerzustand finde ich wenig erstrebenswert.

Also was ist denn nun die richtige WG? Die zu finden ist noch komplizierter als eine Wohnung zu finden, es muss ja nicht nur die Wohnung bzw. das Zimmer gefallen und die Lage passen, sondern vor allem die Menschen und das Drumrum. Auch wenn ich nur drei bis vier Tage pro Woche da bin, will mich an diesen Tagen bitte wohlfühlen. Aber wenn ich nur drei bis vier Tage unter der Woche hier bin, bin ich leider für eine WG mit vielen gemeinsamen Unternehmungen und Programm am Wochenende nicht die richtige Mitbewohnerin, auch wenn die WG-Mitglieder noch so sympathisch sind und die Wohnung 100m nah an meiner Lieblings-U-Bahn-Station liegt. Die WG als Familie, die man sich aussuchen kann, ist nichts für mich, die ich jetzt an zwei Orten lebe. Meine WG ist halt eine Zweck-WG.

Klingt etwas hart, aber ich mach‘ das eben nicht, weil ich mir das WG-Leben als bevorzugte Lebensform ausgesucht habe, sondern weil die Arbeit, die ich mir ausgesucht habe, und das Privatleben, das ich mir ausgesucht habe, leider nicht am selben Ort stattfinden können. Deswegen ja überhaupt die Sache mit dem Zweitwohnen in einer anderen Stadt. In einer WG. Nur so nebeneinanderherleben und sich möglichst wenig begegnen wollen kann’s aber auch wieder nicht sein, dafür ist eine halbe Woche zu lang. Eine gewisse Grundsympathie muss da sein, wir teilen schließlich Dusche und Kühlschrank.

Man führt bei der Suche am Telefon und bei Besichtigungen auf jeden Fall interessante Gespräche und lernt andere Lebensentwürfe und Wohnsituationen kennen. Falls also jemand noch ein kommunikatives Hobby braucht, und nette Leute und verschiedene Stadtteile kennlernen möchte, vielleicht einfach mal ein WG-Gesuch aufgeben.

Advertisements

Was meinst Du dazu?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s