Bloß alles richtig machen

Letztens versuchte eins der bekannteren deutschen Wochenmagazine seine aktuelle Ausgabe mit dem rosaroten Titelthema Frühling unters Volk zu bringen. Und das, obwohl in der vorangegangenen Woche wahrlich interessantes passiert war, was titelblattfähig gewesen wäre. Hatte das alles schon die Konkurrenz vorne drauf? Oder war es ein Appell an unser Wohlfühl-Bedürfnis? Endlich mal was Nettes statt verstorbener Politgrößen in schwarz-weiß,  Skandalpapieren, Anschlägen, gebrochene Waffenruhen. Wer weiß schon was in der Redaktionskonferenz vor sich ging? Die die dabei waren vermutlich, vielleicht nicht einmal die. Ich dachte immer, solche Kuschelberichte würden für Zeiten vorgeschrieben, in denen es inhaltlich dünn zugeht. Mit Frühling hat man sich zeitlich aber halt auch schon eng festgelegt.

Ich werde auch alljährlich kribbelig, wenn es wärmer und heller wird, und es kann mir mit dem Grünen und Blühen dann nicht schnell genug gehen. Aber ich glaube fast, dass Frühjahrsmüdigkeit nichts anderes ist als das eingeredete schlechte Gewissen, wenn wir auch im Frühling bei warmem Sonnenschein einfach mal rumtrödeln und nichts machen, und nicht mit Dauerlächeln draußen daueraktiv sind. Weil wir am Zeitschriftenstand und aus dem Briefkasten zugeschmissen werden mit jahreszeitlichem Gutelaunezwang und und uns noch nicht mal mehr den selbständigen Umgang mit den Jahreszeiten zutrauen.

Also prangten Kirschblüten auf dem Deckblatt, das 25 Tipps für den richtigen Start in den Frühling verhieß, damit wir auch wissen, was wir machen müssen, statt einfach naiv zu hoffen, dass Sonne und Erde das schon hinkriegen mit dem Jahreszeitenwechsel. So mag es der Leser. 25 Punkte zum Abhaken, alles richtig gemacht,  gutes Gewissen. Was auch schief geht, an uns liegt’s nicht, wir haben ja, genau, alles richtig gemacht. Haben schlotternd witterungsunangepasst bekleidet im Regen gegärtnert, dabei gekühlte Alkoholika konsumiert und dem angesagten Frühlingsliedgut gelauscht. Mittelohrentzündung? Geschenkt.

Kann ich auch falsch in den Frühling starten? Und wieso eigentlich starten? Die meisten Jahre lebe ich vor mich hin, und Frühling passiert zwischen März und Mai um mich rum. Durch Bewegung in irgendeine Richtung ändert sich daran erst etwas, wenn die Bewegung länger dauert und deutlich nach Norden oder Süden verläuft. Man könnte es zum Beispiel als Start in den Frühling interpretieren, wenn man im April von Finnland nach Deutschland fliegt.

Unmittelbaren Einfluss aus den Frühlingseinzug hatte ich bisher wenig. Gefühlt zumindest, vielleicht gibt’s da höhere Zusammenhänge, ich muss mal beim Spaghettimonster nachfragen. Auch im entsprechenden Artikel, den ich natürlich doch gelesen habe, sonst könnte ich hier nicht so schön darüber meckern, war mir der Zusammenhang  zum Frühling nicht an allen Stellen klar. Jetzt plagt mich die Frage: Was, wenn ich es verkehrt mache? Versaue ich dann den anderen 80 Millionen Deutschen den Frühling? Oder 743 Millionen Europäern? Wie habe ich mir das vorzustellen? Dauerregen  bis Juni? Frühling fällt aus? Gehen Sie direkt in den Sommer?

  • Angeklagte, Sie haben auf verwerflichste Weise den richtigen Start in den Frühling verpasst! Was haben Sie dazu zu sagen?
  • Ich dachte, das seien eher Vorschläge.
  • Vorschläge? Das waren DIE 25 Tipps für DEN einzig RICHTIGEN Frühlingsstart. Wie können Sie es wagen, diese zu ignorieren?
  • Für ärmellose Tüllkleidchen ist es im April noch viel zu kalt, aus Sekt mach ich mir nicht viel und Hühner -ausgerechnet Hühner!- will ich keine halten, die stinken.
  • Damit sind Sie völlig falsch gestartet und haben alles in Unordnung gebracht. Wie soll es da Frühling werden?
  • Ganz einfach, weil die Erde und die Sonne nach den Kepler-Gesetzen …
  • Paperlapapp, auf zum Frühjahrsputz. Noch nicht einmal den haben Sie bisher hinbekommen! Wie sehen Ihre Fenster denn aus!
  • Ich plädiere auf verminderte Schuldfähigkeit, ich konnte nicht sehen, dass draußen schon Frühling ist.
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