Es lebe der Hamster!

Manchmal benimmt sich der Alltag wie ein schlechter Film, wie Sonntagabendherzkino, nur ohne Umschaltknopf. Manche Tage, was sage ich, Wochen, aus dem echten Leben würde ich mir auf der Mattscheibe nicht dreißig Sekunden lang anschauen.

Als es im elterlichen Wohnzimmer noch einen Schwarzweißempfänger gab, war ich hin und weg, wenn der lief. Alle anderen hatten schon Farbfernsehen mit Fernbedienung, selbst meine Großeltern. Wahrscheinlich hatten deswegen wir das alte Stück. Um den Sender zu wechseln, musste man aufstehen und auch noch die Zimmer-Antenne passend zurechtrücken. Ein probates Mittel, um Kinder vom eigenmächtigen Glotzen abzuhalten. In Farbe gab es nur in echt, aber das Pferd in Black Beauty war, Überraschung, eh schwarz, ich hab’s also gar nicht wirklich gemerkt. Eilmeldung, ich höre gerade, Sesamstraßen-Samson hat gar kein graues Fell. Später setzte bei uns eine rapide mediale Aufrüstung ein, ich hinke dem bis heute hinterher. Meine Mutter kann Geräte verkabeln, von denen ich nicht mal den Namen kenne. Dafür kann ich Sauce Hollandaise.

Ich kann mit Fernsehen eher wenig anfangen. Aber eine Fernbedienung hätte ich ab und zu gerne. Nämlich, wenn im echten Leben, meinem zumindest, Zufallsbegegnungen, Verwechslungen oder Verwicklungen stattfinden, die kein Autor sich trauen würde niederzuschreiben, weil sie einfach so doof und albern sind, dass kein Mensch sie glauben würde. Buch zuklappen, Film umschalten. So viel Mist hintereinander und gleichzeitig passiert einfach nicht. Unglaubwürdig und viel zu dick aufgetragen. Dann vermisse ich schmerzlich die Taste zum Ausschalten oder Zurückspulen. Drittes Leben verloren, Level neu starten bitte und einfach neu würfeln!

Aber nein, der Hamster musste unbedingt unter den Fußabtreter kriechen. Als dann die Nachbarin auf dem Fettfleck ausrutschte, brach sie sich die Hüfte, dabei fällt ihr der Mülleimer die Treppe runter, und der Nachbarshund bleibt mit dem Kopf drin stecken, weil das dumme Vieh unbedingt den darin verborgenen Kotelettknochen wollte, obwohl Herrchen ihn fürsorglich mit veganen Hundekeksen verwöhnt. Während die Töle die Reste des Hamsters von den Fliesen leckt, wird schnell klar, dass Herrchen mich nie wieder eines Blickes würdigen wird.

Im Sonntagabendherzkino wäre dies nun der komplizierte Beginn einer herzzerreißenden Romanze mit unzähligen Verwicklungen, an deren Ende sie sich doch kriegen und gemeinsam mit der frisch genesenen alten Dame eine Wohngemeinschaft auf einem alten Bauernhof gründen, in der die rüstige Seniorin die flugs gezeugten, herzallerliebsten Zwillinge liebevoll versorgt, während im Abspann der überzeugt vegan lebende Vierbeiner vor Gesundheit strotzend durch die grünen Wiesen springt und über das Wohl einer Herde knuddeliger Hamster wacht. Als Hintergrundmusik ertönt der Hochzeitsmarsch oder etwas ähnlich überstrapaziert romantisches.

Määäp!

In echt geht es die ganze Woche über so weiter. Meine Wahrnehmung verengt sich auf alles, was schiefgeht, und davon gibt es plötzlich reichlich. Mit den Alltags-Ärgernissen, ist es wie mit dem unfallenden Baum im Wald. Ich höre zu, deswegen ist da auch ein Geräusch. Würde ich nicht so unentspannt genau hinschauen, sähe ich auch kein Problem, sondern würde lächelnd darüber hinweg schweben.

Das mit dem Baum ist jetzt metaphorisch, das Geräusch des umfallenden Stamms ist Physik und die findet auch bei Weghören statt, ob uns das nun passt oder nicht. Auch der Mond ist da, wenn keiner hinschaut. Sonst könnten alle, die glauben, wegen Vollmond schlecht zu schlafen ja beruhigt geschlossenen Auges zu Bette gehen. Für Philosophie sind in meiner Familie andere zuständig.

Zurück zur Geschichte. Ein unheilvoller Teufelskreis selbstprophezeiender Erfüllungen kommt in Gang, in deren Folge ich den Hund des Nachbarn brutalst erdolche, weil er den schon toten Hamster gefressen hat. Ich stapele ihn zerlegt in die Tiefkühltruhe. Der arrogante Kerl am andern Ende der Leine erleidet einen spontanen Nervenzusammenbruch und wird mit der Nachbarin im Krankenwagen abtransportiert, und wer wohl muss die Sauerei auf der Treppe aufwischen?

Wie gut, dass wir keinen Hamster haben.

Advertisements

3 Kommentare

Was meinst Du dazu?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s