Du oder Sie?

Begegnungen mit noch unbekannten Menschen sind per se ja was nettes. Auf Reisen sind wir tagelang in derselben schmutzigen Hose und Sandalen oder Wanderstiefeln unterwegs und fühlen uns immer passend angezogen, begegnen anderen Reisenden offen und herzlich, finden heraus, in welcher Sprache Kommunikation klappen könnte, und arbeiten uns durch den ritualisierten Eingangs-Smalltalk (woher, wohin, wie weit, wie lange). Selbst nach einem mehrstündigen, intensiven Gespräch bleibt der Name des Gegenübers manchmal im Dunkeln. Wenn ausreichend Vertrautheit hergestellt ist, kommt dann vielleicht der Satz: Ich bin übrigens die Soundso. Ohne Nachname, auf Zeltplatz und Hütte regiert das Du.

Im Supermarkt, bei der Bank oder beim Callcenter der Telefongesellschaft ist es auch noch einfach, da sagt man Sie. Schwierig wird das weite Feld dazwischen. Autowerkstatt: Sie. Fahrradwerkstatt: eher Du, aber nicht immer. Kommt auf die Werkstatt an. Schuhladen: Sie. Outdoorladen: meistens Du. Intelligenten Kommentar unter einen genialen Blogbeitrag schreiben: Du. Beim Sport: Du, aber wirklich auch den schon sehr betagten grauhaarigen Herren, der so nett grüßt?

Minenfeld Arbeit. Kann gaaanz schwierig sein. Eine Weile habe ich in einem Umfeld gerbeitet, wo man sich gern hinter Formalismus versteckt und eher siezt. Zumindest die meisten, aber nicht alle, aber nur auf deutsch, auf englisch wird rumgeeiert, um bloß keine direkte Anrede zu verwenden und sich festlegen zu müssen. Mrs Müller? Miss Müller? Vorname? Und wer darf jetzt wann wem das Du anbieten? Es gibt da ja so einen richtigen Zeitpunkt.Wie bei einem Umzug. Wenn ich es in den ersten Tagen nicht geschafft habe, mich bei den Nachbarn vorzustellen, weil ich immer dann klingele, wenn sie nicht da sind, wird es irgendwann albern. Und eine Woche nachdem ich es aufgegeben habe, begegnet mir der einzige Nachbar, bei dem ich mich noch nicht vorgestellt hatte, im Flur,  ich hatte fünf Sachen im Arm, von denen drei gerade runterfielen, war zu spät dran, wusste wieder mal nicht ob Du oder Sie und hatte auch keine Zeit, es in Ruhe herauszufinden.

Zurück zum Du. Wie lehnt man es geschickt ab? Und wer darf als erstes fragen? Was ist mit älter oder jünger, Doktortitel oder nicht, eins drüber oder drunter in der offiziellen oder eingebildeten Hierarchie? Und wozu das ganze Drama? Ja, manchmal ist es ganz nett, sprachlich Distanz zu waren. Also quasi Sie Armleuchter. Mit einem Mindestmaß an Einfühlungsvermögen geht Distanz aber auch mit Du und stubenreinem Vokabular. Ich kann jemanden auch per Du nicht mögen, und Duzen heisst nicht automatisch, dass ich jemanden mag.

Für Namenslegastheniker wie mich wäre eine Du-Welt überhaupt viel leichter. Ich müsste mir pro Person nur ein Detail merken, nämlich den Namen und nicht zusätzlich noch die Anredeform, die dann, oh Graus, nach einem halben Jahr vielleicht auch noch wechselt.  Natürlich wurde ich in der Du-Sie-Welt sozialisiert. Am Anfang war’s auch noch leicht zu behalten, die Familie war Du, alle anderen Erwachsenen Sie, einschließlich der Eltern meiner besten Freundin. Andere Kinder waren natürlich auch Du, und Menschen im Übergangsalter zwischen Kind und Erwachsenem sprachen nicht mit mir Grundschulzwerg, die Frage stellte sich also nicht. Eine Weile bin ich dann damit durchgekommen, im Zweifelsfall alle zu duzen, die jünger waren als ich. Weit jenseits der 29,9 funktioniert das aber nicht mehr.

Noch stehe ich regelmäßig da und frage mich, ob das wirklich so kompliziert ist, oder nur ich die Regeln nicht kapier, weil bei der Du-Sie-Sozialisierung was nicht geklappt hat. Aber vielleicht erlebe ich die faktische Abschaffung des Siezens im Alltag ja noch. Ich wäre dafür.

 

 

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4 Kommentare

  1. Schön in Worte gefasst – wie überhaupt Deine Ausführungen!
    Bin über Deine Nordkaptour zu Dir gelangt. Insofern bilde ich mir ein, steht mir da das Du zu 😉
    Wärst Du übrigens nur zwei Jahre früher gestartet oder ich entsprechend später oder wir beide irgendwo dazwischen, hätten wir die Anrederei Aug‘ in Aug‘ aushandeln können, was aber in Anbetracht nicht nur Deiner hier geschilderten Erfahrungen wahrscheinlich keinen großen Unterschied gemacht hätte.
    Sofern es Dich aber ebenfalls in 3 Wochen Richtung Island zieht, Dein Reisetagebuch endet mit „Fortsetzung folg(t)? Vielleicht …“ – es wäre mir ein Vergnügen, das Versäumte nachzuholen.

    Viele Grüße
    Dirk

    Btw – meine Erlebnisse findest Du bei Interesse auf meiner Heimseite. Für das jüngste und bislang nicht verlinkte Vorhaben einfach /tour2016 hinten dran hängen …

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  2. Interessante Überlegungen, und mindestens im Internet ein ständiges Problem. Manche sind im Internet grundsätzlich eingeschnappt, wenn man siezt, andere verbitten sich auch im Internet das Du. Beides ist mir mal um die Ohren geflogen, dabei finde ich die Möglichkeit, Distanz oder eine eher formale Situation über die Anrede auszudrücken, ganz praktisch.

    Ansonsten habe ich den Eindruck, es verschiebt sich in Deutschland derzeit vieles in Richtung Du, und das finde ich eigentlich ganz nett, abgesehen von der für mich eher penetranten Duzerei eines großen schwedischen Möbelhauses. Man scheint mit der Du-Sie-Unterscheidung lockerer umzugehen. Ob das auch einen lockereren Umgang miteinander nach sich zieht, bleibt aber abzuwarten.

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  3. Ja, wie man’s macht is falsch. Im Internet neige ich sehr zum Duzen, es sei denn jemand stellt von sich aus klar, dass er das nicht möchte. In der Möbelhauswerbung wirkt das Du sehr aufgesetzt und aufdringlich, aber ich bin nicht sicher, ob das nur am Du liegt, eventuell könnte es auch mit dem Rest der Werbung zu tun haben …

    Grundsätzlich mag ich die Verschiebung Richtung Du, muss aber zugeben, dass ich manchmal selbst davon irritiert bin, vor allem, wenn ich als Kunde einen Laden betrete und das Verkaufspersonal deutlich jünger wirkt als ich bin. Was ich gar nicht mag, ist wenn es unklar ist. Ich halte eine Vorlesung und habe mich nach einer Abwägephase, in der auch der obige Beitrag entstand, mit mir selbst geeinigt, meine Zuhörerschaft in diesem Rahmen zu siezen. Einzelne Studenten begegnen mir aber auch noch in anderem Kontext, da finde ich das Sie dann wieder albern.

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