Perspektivwechsel – Bitte wenden

Mit der Uni ist es ein wenig wie mit der Schule. Viele haben eine besucht und halten sich damit für Experten zum Thema Studieren. Es lief zwar schon immer an jeder Hochschule in jedem Fachbereich im Detail irgendwie anders, macht aber nix, sie wissen alles darüber, und die Studenten von heute und überhaupt wir damals. Wer das nachprüfen möchte, lese die Kommentare zu einem beliebigen Hochschulthema auf einer beliebigen Nachrichtenseite.

Ich selbst habe es nach elfsemestrigem Besuch mehrerer Universitäten einschließlich Auslandsaufenthalt zu einem Diplom gebracht und dabei unter anderem gelernt, dass es keinen Grund gibt, beeindruckt zu sein, wenn auf dem Lehrbuch steht, der Autor habe hier und da und dort studiert, das ist kein Kunststück. Den Bolognaprozess gab’s schon, er durfte mir aber noch egal sein. Und auch ich erzähle immer wieder gerne mal, wie das bei mir im Studium war. Es hat nur mit hier, jetzt und heute nicht viel zu tun.

Nach der Entgegenahme meiner Diplomurkunde und des dazugehörigen einseitigen, übersichtlichen Zeugnisses dauerte es ein paar Jahre, die Bologna-Reform ging ihren Gang, ich desgleichen, und auf Umwegen fand ich den Weg zurück an die Universität, ironischerweise jene, deren Siegel bereits auf meinem Abschluss prangt, und an der ich weiland vor dem Ablegen der nötigen Prüfungen tatsächlich auch ganze zwei Lehrveranstaltungen besuchte. Irgendwo abgeheftet ein Arbeitsvertrag als wissenschaftlicher Mitarbeiter mit kurioser Laufzeit, der auch das Wort Lehrverpflichtung enthält.

Das erste Semester verlief noch im Schongang mit eher wenig Kontakt zu diesen exotischen Wesen genannt Studenten, die der Universität ihre Daseinsberechtigung liefern. Als ich ein solcher war, war die Studienordnung der Dreh- und Angelpunkt meines Daseins, sie hatte nahtlos das Regelwerk zum Einbringen von Grund- und Leistungskurspunkten in die Abiturnote ersetzt. Heute nach zumindest formal vollzogenem Perspektivwechsel ist sie eins der Dokumente mit viel zu vielen Seiten, die ich wohl gründlicher gelesen haben sollte. Die wesentlichen Fragen sind im Prinzip immer noch hingehen oder nicht hingehen, Schein oder nicht Schein, neudeutsch geht es um Credit Points und Module. Vorlesung heisst aber immer noch Vorlesung, nur das Vorlesungsverzeichnis gibt’s zum Glück nicht mehr in der Buchhandlung sondern online.

Um ehrlich zu sein, erscheint mir heute vieles am Studieren komplizierter als in meiner Erinnerung. Vielleicht Geschichtsklitterei, man schönt ja hinterher immer. Ich bin dem Schicksal aber retrospektiv dankbar für ein klar strukturiertes Studium, in dem meistens klar war, wo’s lang ging, und welche Optionen ich hatte oder mir zumindest einbilden durfte zu haben. Mit etwas Glück kapier ich demnächst auch noch, wie das hier, jetzt und heute läuft. So lange haben die Studenten hoffentlich Geduld mit mir.

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