Es lebe die Prokrastination

Nun ist es schon eine ganze Weile her, und der Alltag hat mich wieder. Also der neue Alltag, der Nach-Nordkap-Alltag mit neuer oder wenn man will alter Arbeit. Nordkap bzw. das Jahr 2015 insgesamt ist jetzt so eine Lebenszäsur, die für lange Zeit ein Referenzpunkt für davor und danach sein wird. Eigentlich hatte ich ja hier noch eine Nachlese schreiben wollen und ein bisschen Statistik treiben. Da gibt es nun die GPS-Daten von der Tour, man könnte darin jetzt nach all den Dingen schauen, die einem beim Radeln so in den Sinn kamen, wie z. B. einer Korrelation zwischen Tagesdurchschnittsgeschwindigkeit und Tagesstrecke. Aber vorher soll oder will man noch, und heute Abend habe ich einfach überhaupt keine Lust. Morgen wird alles besser.

Wie im echten Leben, da gibt es diesen Datensatz, da könnte man was Schönes mit anstellen, jetzt haben wir da aber gerade überhaupt keine Zeit für, vielleicht könnte das mal eine Abschlussarbeit werden. Ich könnte die Daten als Auswertefingerübung in ein von Studenten zu lösendes Übungsblatt verwandeln. Dann muss ich aber eine Musterlösung erstellen, spart also keine Arbeit, und der Zusammenhang wäre reichlich konstruiert. Als Frischlings-Dozentin muss ich da auch mit dem gebotenen Ernst herangehen.

Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, wann mir das Wort Prokrastination zum ersten Mal begegnet ist, es war aber eins dieser Wörter, die ich mir merken will, weil mir der Klang gefällt, und sie so genau etwas ausdrücken, wofür ich bis dato keinen Begriff im aktiven Wortschatz hatte. So viel Inhalt mit nur einem Wort. Mittlerweile begegnet der Begriff einem auch in deutschen Texten häufiger, und es besteht wohl kaum noch Gefahr, ihn zu vergessen. Trotz inflationärer Nutzung ist es immer noch ein schönes, wenig abgenutzes Wort, das schaffen nicht viele Vokabeln. Die Eingabe in unser aller hassgeliebte Suchmaschine fördert ellenlange Listen von Ratgebern zutage, von der Studienberatung bis zur Apotheken-Umschau, in denen es vor allem darum zu gehen scheint, nicht zu prokrastinieren. Was aber Blödsinn ist. In meinem Erweckungserlebnis kam das Wort nämlich garniert mit dem Adjektiv structured. So viel Inhalt mit nur zwei Worten, es war pure Philosophie in höchster Spracheffizienz.

An dieser Stelle habe ich verzweifelt versucht, einen beiläufigen Bezug zu De Bello Gallico herzustellen, fürchte aber, dass den niemand versteht geschweige denn witzig findet, und lasse es daher.

Ich hatte also mit der strukturierten Prokrastination urplötzlich einen Begriff für ein schon lange angewandtes Arbeits-Schema, mit dem ich verblüffend viel mit viel Freude in verblüffend kurzer Zeit hinkriege, nämlich zur Vermeidung der oben auf dem Zettel stehenden, objektiv betrachtet keineswegs allzu unangenehmen Aufgabe, in kürzester Zeit den Rest des Zettels abzuarbeiten, um eine Ausrede zu haben, die oben auf dem Zettel stehende,  objektiv betrachtet keineswegs allzu unangenehme Aufgabe endlich zu erledigen. Wenn ich damit fertig bin, hat sich vielleicht die oben auf dem Zettel stehende,  objektiv betrachtet keineswegs allzu unangenehmen Aufgabe als überflüssig erwiesen. Oder ist so dringend geworden, dass ich sie erledige, weil schließlich mittlerweile oben auf dem Zettel eine andere, objektiv betrachtet …. Der einzig wirklich lesenswerte Text zum Thema, für mich eigentlich die  Primärliteratur, ist das Buch The Art of Procrastination von John Perry (in der deutschen Übersetzung: Einfach liegen lassen). Möge das Internet seine inzwischen hübsch modernisierte Seite nie vergessen.

Ich werde also den Blog demnächst ein bisschen umbauen, eventuell mit noch ein paar Bildern verzieren und eine Nachlese schreiben. Falls diese als Blogbeitrag hier erscheint, kann es als gesichert gelten, dass dann aller gerade anliegender Papierkram erledigt ist,  anstehende Reisevorbereitungen vollständig abgeschlossen sind, der Büroschreibtisch  aufgeräumt ist, im Labor alles perfekt funktioniert, mehrere Forschungsanträge pünktlich zur Begutachtung eingereicht wurden, eine Handvoll Veröffentlichungen fertiggestellt und eingereicht sind.  Oder genau das Gegenteil.

 

 

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