Tag 68 – Kartenwerk gegen Realität

Auf nach Helsinki. Es sind etwa 190 km, ich erwarte also zwei entspannte Tage, auch wenn wieder etwas mehr Höhenmeter anstehen als an der Küste. Bis zum Nachmittag läuft es richtig gut. Nach ungefähr 100 km erwartet mich laut Karte ein Campingplatz, und ich bin ziemlich früh da. Aber der Campingplatz nicht. Der war mal.

So richtig habe ich immer noch nicht raus, wann ich lange Strecken schaffe, und wann nicht. Vor ein paar Tagen hatte ich 130 km als Tagesziel ausgerufen, da war schon mittags ersichtlich, dass ich das nicht schaffen würde. Das Wetter, die Strecke, wie erholt ich bin, das Etappenziel, das Höhenprofil, die Verpflegung, mehr kurze Pausen oder weniger längere – das spielt irgendwie alles mit, aber doch immer anders. Manchmal geht bei schlechtem Wetter mehr als bei gutem, Wind von vorn ist natürlich immer doof, manchmal geht trotz Höhenmetern viel Strecke, manchmal bei weniger Anstieg trotzdem nur eine kurze.

Heute geht auf jeden Fall. So richtig Lust auf Zelten im Wald habe ich nicht, ich habe auch nicht besonders viel Wasser dabei, und es ist so warm, dass Nichtwaschen nicht schön wäre. In der elektronischen Karte gibt es einen Campingplatz, der aber noch ein ganzes Stück weg ist. Aber heute zu schaffen, und nochmal so ein Streckenrekord am Ende würde mir jetzt doch gefallen. Nach 145 km und über 1000 Höhenmetern bin ich gegen 20:00 da. Campingplatz ist da aber wieder keiner. Es ist ein Ferienheim einer Gemeinde, und ein Mann erklärt mir, dass ich hier unmöglich zelten kann.

Jetzt finde ich das alles gar nicht mehr entspannt. Ewig hell ist es ja mittlerweile auch nicht mehr. Dann bin ich auch schon wieder in einem größeren Ort, durch den muss ich noch fahren. An einer Tankstelle lasse ich mir meine Wasserflasche noch einmal auffüllen. Ich bin schon sehr nah an Helsinki und entsprechend dicht bewohnt ist die Gegend, an jedem Waldweg steht eine Mülltonne, hängt ein Briefkasten, und sieht man ein Haus durch die Bäume. Es wird schwierig. Am Anfang der Reise hatte ich erwartet, dass so ein Tag irgendwann kommen würde, aber jetzt zum Schluss hatte ich dann doch nicht mehr damit gerechnet.

Irgendwann ist es keine Stunde mehr bis zum Campingplatz in Oittaa, von dem ich mir ganz sicher bin, dass es ihn wirklich gibt. Ich leiste mir noch einmal falsch abbiegen und lande auf einem Schotterweg, der mit einer Kette gesperrt ist, so dass ich zurückfahre. Aber um 22:00 bin ich da, und an der Rezeption ist sogar noch jemand. Also alles gut. Ich bin 172 km gefahren. Einmal vorher bin ich nicht ganz so viel an einem Tag mit dem Fahrrad gefahren (der eine Leser der dabei war, wird noch wissen, wo und wann das war), und habe gesagt, dass ich das nicht wieder tun möchte. Das unterschreibe ich auch immer noch. So richtig Spaß gemacht hat der neue Tagestreckenrekord dann doch nicht.

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