Tag 48 – Nordkap und DER Tunnel

Die Nacht war ziemlich kalt. Zum Losfahren packe ich zum ersten Mal auf dieser Reise die Fingerhandschuhe aus und die Ohren ein. Also nicht mit den Handschuhen jetzt. Mit dem Stirnband.  Beim Fahren wird es nur langsam warm. Ich habe extra versucht, etwas früher loszukommen, weil morgens noch wenig Verkehr ist. Nach 20 km bin ich am Tunnel. Dem Tunnel zur Nordkapinsel Magerøy, von dem alle Radfahrer sprechen. Er ist knapp 7 km lang. Lampe hell, tief durchatmen, los geht’s.

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Beim Reinfahren fällt mir ein, dass ich nach der Tunnelerfahrung von gestern doch eigentlich Ohrstöpsel hatte tragen wollen. Zum Glück ist wirklich wenig Verkehr. Die erste Hälfte geht steil bergab, laut Schild ist der tiefste Punkt 212 m unter dem Meer. Mit entsprechenden Konsequenzen für die zweite Hälfte der Strecke. Die zieht sich und es geht hoch und hoch und hoch. Wie gestern, jedes Auto, das sich nähert, dröhnt unglaublich. Von vorn ist das nicht so schlimm, von hinten klingt es sehr bedrohlich. Von wegen The light at the end of the tunnel may be an oncoming dragon. Hier kommen die Drachen von hinten und fauchen gar fürchterlich. Oder sie lagern als Gebläse in der Tunnelmitte. Zwischendurch ist es aber auch mal so still, dass ich nur mich atmen höre. Auch etwas gruselig, obwohl ich es grundsätzlich gut finde, dass ich noch atme. Atmen ist jetzt bisschen euphemistisch. Keuchen trifft es besser, es geht schließlich bergauf.

Aber auch das ist irgendwann vorbei. Draußen mache ich erstmal Pause auf einem schönen Rastplatz bei einem netten Gespräch. Vor Honningsvåg, dem Hauptort der Insel, wo die Kreuzfahrtschiffe anlegen, kommt noch  ein zweiter Tunnel, 4,4 km lang, der hat aber einen Seitenstreifen und ist fast eben. Der Seitenstreifen ist nicht asphaltiert und von dem Gehoppel kommt irgendwann der Wassersack auf der Gepäckrolle ins Rutschen. Aber auch hier ist nicht viel los, alles halb so wild.

In Honningsvåg scheint die Sonne, als ich zur letzten Etappe aufbreche. Und die hat es in sich. Einmal ganz hoch auf fast 300 m, wieder runter und wieder hoch. Am Ende des Tages stehen 1048 Höhenmeter bei nur 76 km auf dem Zähler, die Höhenmeter im Tunnel gar nicht mitgerechnet, weil das Navi da keinen Empfang hatte. Von triefend bergauf schwitzen bis im schneidenden Wind mit zwei Jacken und gefühllosen Fingern bergab rollen ist alles dabei. Die Ankunft am Nordkap muss man sich ganz hart erarbeiten. Entsprechend großartig fühlt sie sich dann aber auch an.

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Ich mache ein paar Photos und gehe Postkarten kaufen. Kaum komme ich aus dem Souvenirladen, ist die Weltkugel im Nebel nur noch zu erahnen. Gut, die Postkarten wollen ja auch geschrieben werden, ich trinke Kaffee, telefoniere (hat etwa irgendjemand wirklich gedacht, das Nordkap wäre so weit weg, dass es kein Netz gibt?), aber der Nebel ist zäh. Als es dann doch aufklart, habe ich eigentlich gar keine Lust mehr, noch irgendwohin zu radeln und entschließe mich, mit vielen anderen auf dem Nordkapplateau zu zelten. So eine beheizte Toilette mit Warmwasser hat gegenüber dem Bergsee, den ich mir bei der Herfahrt als Zeltplatz ausgekuckt hatte, auch Charme. Als ich über das steinige Plateau radele, meinen auch meine Knie, es sei eine gute Entscheidung, hier zu nächtigen. Ich bin endlich da, nach 3904 km und so vielen Tagen, da kann ich auch ein paar Stündchen bleiben.

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10 Kommentare

    • Es war auf jeden Fall eine spezielle Erfahrung. Ich habe auf dem Weg nach Süden später auch jemanden getroffen, der ihn einfach nur hin und zurück fahren wollte, nur um eben mit dem Rad durchgefahren zu sein. Selbst kurze Tunnel, wie man sie von Bahntrassenradwegen kennt, finde ich mit dem Fahrrad immer noch etwas besonderes verglichen mit einer Tunnelfahrt mit dem Auto.

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